Die erste Stunde

„Guten Morgen, herzlich willkommen im Kurs zur italienischen Literatur. Meiner Meinung nach gibt es keine bessere Art, sich vorzustellen, als mit einer Frage. Was ist Literatur für euch? Ah, und da, ein mutiger Freiwilliger. Ihr Vorname, bitte?“ „Es gibt keine bessere Art, sich vorzustellen, als mit einer Antwort. Literatur bringt nichts!“ Allgemeines Murmeln. Wer möchte schon eine schlechte Note am ersten Schultag? Veronica dreht sich um und sieht ihn an, aber es ist als würde sie durch ihn hindurchsehen. „Ihr seht, was ich gesagt habe. Wir haben einen mutigen Freiwilligen in der Klasse! Es tut mir leid, wenn ich euch enttäuschen muss, aber die Antwort ist nicht richtig, angesichts dessen, dass ich euch nicht gefragt habe, was Literatur bringt, sondern im Gegenteil, was sie ist. Ich werde wohl die Frage anders stellen müssen.“ Er steht auf, schlendert mit Gelassenheit die rechte Reihe entlang und nähert sich der Schulbank des Wagemutigen. Er krempelt langsam die Ärmel seines Hemdes hoch und, alsbald er sich auf die Schulbank gesetzt hat, ein Bein nach vorne ausgestreckt, fährt er fort: „Um eine derartige Antwort zu erhalten, muss ich wohl fragen, was uns Literatur bringt.“ Der Junge hält dem Blick seines Lehrers stand und, mit einem boshaften Grinsen, erwidert er mit unbewusst lauter Stimme: „Literatur bringt nichts!“ Zwei Sekunden verstreichen. Zwei Sekunden, die sich unendlich lange anfühlen.
Der Lehrer erhebt sich auf einen Schlag, dreht sich zur Klasse und zeigt auf den Schüler. Seine Augen weiten sich. „Ich bin wohl gezwungen, am ersten Schultag eine Eins auszuteilen, meine lieben Schüler. Euer Kollege hat nämlich nicht nur die Frage richtig beantwortet, sondern ebenso einen berühmten französischen Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert zitiert!“ Er wendet sich prompt zurück zum Lehrertisch und nimmt einen Stapel Blätter zur Hand. „Teilt diese aus, danke. Also, wie ihr sehen könnt, hat euer wagemutiger Mitschüler wohl den Titel dieses wunderbaren Buches gelesen, der vom Autor so unmissverständlich ausgewählt wurde. Mein Fräulein, könnten sie bitte die erste Zeile lesen?“. „Was bringt uns Literatur? Sie bringt nichts.“ „So viel zur heutigen Unterrichtsstunde. Danke für den Spoiler.“ Allgemeines Lachen. „Literatur bringt uns nichts. Nehmt dieses Mädchen oder mich als Beispiel, oder ansonsten unseren jungen Herrn dort. Ich habe Anna Karenina gelesen, was die beiden wahrscheinlich nicht gemacht haben. Ich habe auch Buddenbrooks gelesen, wohingegen die beiden wohl noch nicht dazu gekommen sind. Und trotzdem sind wir alle drei gesund und munter hier in diesem Raum. Wir leben, wir atmen, wir haben am Morgen unser Frühstück gegessen und am Abend können wir ein Bier trinken gehen. Das ist aber keine Einladung, nur um das klarzustellen!“ Er setzt wieder eine ernste Miene auf und setzt sich an seinen Tisch. „Welchen Sinn hat eine Blume? Was bringt uns Menschen eine Blume? Sie bringt uns rein gar nichts. Ein Mensch kann in Ruhe sein Leben verbringen, ohne auch nur ein einziges Mal eine Blume zu sehen. Stellt euch zwei Häuser vor, eines mit einem einfachen grünen Rasen und das andere mit einem grünen Rasen und darauf Lavendelsträucher, die entlang vom Eingangstor bis zur Haustüre führen, ein Garten voll mit roten und weißen Rosen und am Balkon liebevoll gepflanzte Geranien. Welches Haus würdet ihr aussuchen? Um euch ein weiteres Beispiel zu geben, ein Liebesbrief, was bringt uns ein solcher? Warum nicht einfach meine Liebe persönlich erklären? Warum soll ich einen Brief schreiben, um meine Worte der Liebe zu verkünden? Was bringt uns ein Kunstwerk? Was bringt uns ein Foto? Aber jetzt kommt das beste: Was bringt uns ein Kuss? Erwartungsvolle Stille in der Klasse. „Ein Kuss
bringt uns nichts. Rein gar nichts. Lasst uns pragmatisch denken, ein Kuss ist nicht zwangsläufig notwendig für die Fortpflanzung und ist nichts als ein Austausch von Keimen. Wisst ihr, wie viele Krankheiten allein durchs Küssen verbreitet werden? Wisst ihr, dass ein Kuss alles andere als hygienisch ist?“
Er wartet einige Minuten und setzt mit erhobener Stimme fort: „Meine lieben Schüler, ich bin nicht dafür da, um euch etwas Zweckmäßiges beizubringen. Zweckmäßigkeit ist nicht immer mit Schönheit vereinbar. Literatur ist genau wie eine Blume, ein Foto, ein Kunstwerk, ein Brief, ein Kuss – sie bringt uns nichts. Und dennoch möchte ich nicht auf den Duft der Glyzinie in meinem Garten verzichten, wenn ich nach Hause komme, auf den wunderbaren Liebesbrief, den ich mit zwölf Jahren meiner damaligen Freundin geschrieben habe, auf die Fotos, die ich in meiner Geldbörse aufbewahre oder auf das Kunstwerk von Klimt in meinem Schlafzimmer und, unter keinen Umständen, möchte ich auf den lang ersehnten Kuss an der Tür der Frau, die ich liebe, verzichten. Jene, die auf all dies verzichten möchten, bitte ich, das Klassenzimmer zu verlassen, denn hier sprechen wir von der Schönheit all jener Dinge, die uns nichts bringen.

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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