Schönheit ist überall

Um diese Geschichte zu beginnen, muss ich euch zuallererst Jean vorstellen. Als Sohn eines Naturwissenschaftslehrers und einer Physikerin, interessierte er sich sonderbarerweise für Kunst. Ja, er liebte Kunst sogar. Wenn er die Möglichkeit hatte, nahm er den Bus, durchquerte die ganze Stadt, denn er wohnte weit draußen in der Vorstadt, und erreichte so das Stadtzentrum, das Herz aller Schönheit. Jedes Mal besuchte er ein neues Museum und dann, egal ob das Wetter gut oder schlecht war, setzte er sich an das Ufer der Seine und begann zu malen. Er malte die Schönheit von Notre-Dame, immer und immer wieder die Schönheit von Notre-Dame. Man versuchte ihm zu sagen, dass man unzählige andere Dinge malen könnte, aber er blieb hartnäckig dabei, nur die Schönheit von Notre-Dame zu malen, jedes Mal in einer anderen Stimmung, jedes Mal aus einer anderen Perspektive. Damit ich diese Geschichte fortsetzen kann, muss ich euch nun Camille vorstellen. Ein junges Mädchen, blond und schlank, das in der Pariser Banlieue lebte. Mit einem Vater als Politiker und einer Mutter als Diplomatin, hatte Camille ungewöhnlicherweise die Poesie für sich entdeckt. Sie liebte Poesie. Sie spazierte durch die ganze Stadt, und dann, sobald sie den geeignetsten Ort für ihre Ideen gefunden hatte, setzte sie sich zu Boden und begann zu träumen. Nach dem Träumen kamen die Gefühle und schließlich das Schreiben. Es zog sie fast jedes Mal an das Ufer des Kanals Saint-Martin. Während sie dem Wasser beim Fließen zusah, nahm sie ihr Heftchen zur Hand und schrieb alles nieder, was ihr so durch den Kopf ging. Sie war sich sicher: es war die Bewegung des fließenden Wassers, das ihre Gedanken wiegte. Und, wie es so kam, endeten diese beiden unschuldigen Gestalten, die ansonsten immerzu herumstreiften, eingesperrt zwischen den Mauern ihrer Häuser. Tatsächlich war es die Ausbreitung einer unheilvollen Pandemie, die fast alle Menschen auf dieser Welt dazu zwang, zuhause zu bleiben. Alles – Geschäfte, Cafés, Parks – war geschlossen. Aber dies war von geringer Bedeutung für die beiden jungen Menschen. Das wahre Problem war, dass es verboten war, sein Haus zu verlassen, um die schöne Notre-Dame zu betrachten oder dem Wasser im Kanal Saint-Martin beim Fließen zuzusehen. Camille suchte die Inspiration zum Schreiben in ihrem Zimmer, aber vergeblich. Jean sah sich seine Gemälde an und versuchte, sich die Kathedrale vorzustellen, aber seine Hand, die den Pinsel hielt, während er die Bilder betrachtete, wollte ihm nicht gehorchen. Camilles Eltern machten sich Sorgen, als sie sahen, wie unendlich traurig ihre Tochter war, die sich bei den gemeinsamen Abendessen immer abwesender zeigte. Die Lage schien noch schlimmer zu sein bei Jean, er hatte aufgehört, zu essen. Man weiß sehr gut, dass einem die Traurigkeit alles nehmen kann: den Hunger, die Zeit und den letzten Rest an Energie. Die beiden jungen Menschen waren überzeugt, dass sie niemals mehr die Schönheit malen oder niederschreiben können würden. Jeans Eltern waren langsam genervt von der Situation, sie schimpften mit ihrem Sohn, aber das änderte nichts. Dann kam zum Glück der Frühling, der die ersten schönen Tage mit sich brachte und Jean und Camille dachten sich, dass es wohl besser wäre, auf der Terrasse traurig zu sein, als in ihren Zimmern. Es müssen das Schicksal oder Magie gewesen sein, die mit ihrem Leben spielten und dazu führten, dass sie gleichzeitig nach draußen auf die Terrasse gingen. Camille mit ihrem Heftchen und Jean mit seiner Leinwand und seinem Pinsel. Sie hatten sich davor noch nie gesehen. Die zwei Terrassen befanden sich jedoch genau gegenüber. Camille begann zu schreiben, Jean fing an, Skizzen zu machen. Und endlich sahen sie sich. Mit einem einzigen Blick verstanden sie, dass Schönheit nicht nur Notre-Dame war und dass Inspiration
zum Schreiben auch von einem malenden Künstler und nicht einzig und allein vom Wasser des Kanals Saint-Martin kommen kann. Und, gemeinsam, schufen sie vom jeweils anderen ein Meisterwerk. Jeden Nachmittag setzten sie sich auf gegenüber auf ihre Terrassen, sie arbeiteten einen für den anderen, ohne dabei ein Wort zu verlieren, sie betrachteten sich einfach nur. Und sie wussten, ja, sie wussten ganz genau, dass sie nicht nur dabei waren, Kunst zu schaffen, sie waren auch dabei, sich zu verlieben. Sie konnten nicht sprechen, sich berühren oder sich küssen, aber sie schufen Kunst, was fast das Gleiche war. Und deswegen, meine lieben Leser, muss ich es euch klar und deutlich verkünden: Schönheit ist überall, man muss sie nur suchen und sich in sie verlieben.

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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