Familienessen

Der Tag war endlich gekommen. Sie würde sie alle bei ihr zum Mittagessen empfangen. Alle ihre Kinder, die endlich nach Hause kommen würden. Sie hatte sich selbst versprochen, diese Nacht zu schlafen, sie hatte deshalb eine Tasse Beruhigungstee mit ins Schlafzimmer genommen, um mit kleinen Schlucken zu trinken, bevor sie die Augen schließen würde. Und er war auch gekommen, er hatte sich, noch angezogen, mit einem tiefen Brummen ins Bett gelegt. Er hatte natürlich wieder das Licht angelassen, sowohl im Flur als auch im Schlafzimmer; aber all das störte sie nicht. Nichts könnte sie stören, denn morgen würde sie ihre Kinder wiedersehen. Sie durfte nicht in Gedanken abschweifen, sie musste schlafen. Nachdem sie das Licht ausgeschalten hatte und ihren Ehemann sanft auf die Stirn geküsst hatte, legte sie sich auch hin. Sie dachte an den Moment, als sie sie ins Bett brachte und Andrea, der nie einschlafen konnte, seine Mutter an seiner Seite brauchte, auch nachdem er seine Gebete zu Ende gesagt hatte. Sie musste da sein, er musste ihr gleichmäßiges Atmen spüren. Andrea war der Kleinste und er würde für immer ihr kleiner Junge bleiben. Er betete immer mit geschlossenen Augen, aber, mitten im Vater Unser, öffnete er sie plötzlich, aus Angst, dass ihn seine Mutter verlassen hätte. Und doch war sie immer da und würde es immer für ihn sein. Jetzt war sie es, die ihre Augen nicht schließen konnte. Sie fragte sich, was wohl aus ihm geworden war, ein Lehrer oder ein Arzt? Bestimmt ein Lehrer, vielleicht in einer Schule mit schlechtem Ruf in einem Vorort oder wo auch immer. Sie musste aufhören, an Andrea zu denken, sie musste jetzt ans morgige Mittagessen denken. Sie musste sich daran erinnern, Blumen zu kaufen. Morgen würde ein besonderer Tag sein: er musste gefeiert werden. Sie hoffte nur, nichts vergessen zu haben, dass es nicht plötzlich regnen würde, dass der Wein nicht zu sauer sein würde und der Kuchen rechtzeitig fertig sein würde. Sie sollte einschlafen. Sie wollte einen guten Eindruck machen, doch welches Kleid sollte sie anziehen? Sie waren zwar nur zu Hause, aber sie würde von den Menschen, die sie am meisten liebte und die sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht gesehen hatte, umgeben sein. Ein weißes Kleid vielleicht? Oder doch besser eine Bluse? Es war nur zu hoffen, dass alles gut laufen würde! Hoffentlich, hoffentlich würde alles gut gehen. Jetzt sollte sie versuchen, zu schlafen, aber da, ein Geräusch. Natürlich! Wie es so kommen musste, hatte es zu regnen angefangen. Es schüttete wie aus Eimern. Sie konnte die aufkommenden Sorgen nicht zurückhalten, sie konnte es einfach nicht. Würden sie trotzdem kommen? Auch wenn es regnete und sie ein Mittagessen im Garten versprochen hatte? Amanda, die Arme, sie war so wetterempfindlich. Es war nur zu hoffen, dass sie schlief und nicht bemerkte, dass es regnete, hoffentlich würde die Sonne noch hervorkommen. Hoffentlich würde alles gut gehen. Der Tag war endlich gekommen. Sie war nun doch eingeschlafen und er, am Rande des Bettes, beobachtete sie und stellte fest, dass sie noch immer wunderschön war. „Ich frage mich, was in ihrem Verstand vorgeht, der trotz der Krankheit noch so klar ist.“ Aber welches Fest, welche Kinder? Sie waren allein, ein liebevolles Paar in einem schlichten, kühlen Krankenhauszimmer. Und dennoch, er lächelte, während er zärtlich mit seinem Daumen über ihre rechte Wange strich. Er lächelte, denn all das, was sich seine Frau vor dem Einschlafen sehnlichst vorgestellt hatte, würde am Morgen danach nicht mehr existieren. Vielleicht würde sie sich niemals daran erinnern, aber sie konnte noch hoffen, sie konnte noch träumen. Jedoch würde sie wieder frei von ihren Gedanken sein, freier als niemand anderes, so wie all die unzähligen Male davor.

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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