Reise mit der Straßenbahn

Was für ein wunderbarer Tag! Es regnete, aber Clara strahlte vor Glück. Endlich, nach langer Zeit, war jemand auf sie aufmerksam geworden. Seit ihrer Kindheit liebte sie es, zu schreiben. Oft bekam sie zu hören: „Nun, Klara, was wirst du mit deinem Sprachenstudium machen? Du wirst bestimmt Lehrerin, oder? So hättest du auch in den Ferien frei, was will man mehr?“ Sie sah ihrem Gesprächspartner dann tief in die Augen und, ohne auch nur dem geringsten Zweifel, antwortete: „Ich werde Schriftstellerin sein“. Sie achtete darauf, es richtig zu formulieren, denn man kann nicht Schriftsteller werden, man kann es nur sein. Alle sahen sie dann mit einer Mischung aus Mitleid und Belustigung an, so wie man Kinder ansah, die hoffnungsvoll vom Weihnachtsmann sprachen. Aber heute war der große Tag: mit ihrem roten Mantel und ihren Blättern in der Hand, stieg sie in die alte orangefarbene Straßenbahn und ging bis ans Ende, um das Geschehen hinter ihr beobachten zu können. Es regnete zwar, aber trotzdem hatte sie die Blätter nicht in ihre Tasche gegeben. Sie hielt sie fest vor ihr, als wären sie eine Schutzmauer, die sie vor dem nächsten Narren, der ihr eine Lektion über ihre Zukunft erteilen wollte, beschützen könnten. Sie lehnte ihre Stirn an die Glasscheibe, wischte ein Stück der verschlagenen Fensterscheibe frei und, durch die Regentropfen, die unerbittlich vom Himmel fielen, beobachtete sie die Stadt und begann zu träumen. Es ist immer gleich mit den Schriftstellern: jedes Bild ist auf unauflösliche Weise mit Worten verbunden. Alles, was sie sahen, wurde zu einer Geschichte. Nun hatte sie sich umgedreht und angefangen, die anderen Fahrgäste zu betrachten: Er dort, er könnte Louis heißen, ja, dieser Vorname passt gut zu ihm. Groß und blond, ein gutaussehender Typ. Er hat wohl nicht geschlafen letzte Nacht, vielleicht ist er sogar noch ein bisschen betrunken. Er ist möglicherweise Saxophonist und ein bisschen am Herumstreunen, oder vielleicht einfach nur ein Nachtschwärmer, der noch zu benommen ist, um zu bemerken, dass ich dabei bin, ihn ungehemmt zu beobachten. Gut, bleiben wir bei der Figur des Saxophonisten, der sich etwas dahintreiben lässt mit seinen Schnürsenkeln, die sich gelöst haben und seiner Zigarettenpackung, die bald aus seiner Hosentasche fallen würde. Oh, und da ein anderes spannendes Individuum: ein kleiner alter Mann, der, um seine Zeitung zu lesen, na gut, nicht um sie wirklich zu lesen, sondern viel eher, um die fett gedruckten Titel zu studieren und dabei den Kopf zu schütteln, versuchte, auf eine aufmerksame Weise und mit gerunzelter Stirn, mit seinem Daumen Seite für Seite umzublättern. In diesem Fall könnte es zahlreiche Szenarien geben, aber wie sollten wir ihn nur unserem Freund Louis näherbringen? Nein, das klappt so nicht. Besser ist die kleine Braunhaarige dort. Ein bisschen schüchtern, aber hübsch. Sie sieht nicht so aus, als würde sie am Abend ausgehen, ihre Eltern erlauben es immer noch nicht. Sie hatte aber gehört, dass genau unter ihrer Wohnung ein Jazzkonzert stattfinden sollte, wo der Freund ihrer besten Freundin spielen würde. Ihre Freundin hatte sie gebeten, sie nicht allein zu lassen, und, wie durch Zufall, waren ihre Eltern genau an jenem Abend zu einer Benefizveranstaltung auf der anderen Seite der Stadt eingeladen. – Oh, Moment, wie viele Stationen bleiben mir noch? Zum Glück noch zwei, ich kann fortsetzen. Nachdem sie sich selbst mehrere Male sagte, dass sie es nur ihrer Freundin zuliebe und wegen ihrer Bewunderung für Duke Ellington machte, betreten die beiden Mädchen den Konzertraum. Das Licht ist gedämpft, die Tische sind vor der Band aufgestellt, die improvisiert und sich dabei offensichtlich amüsiert. Hier füge ich dann eine schöne
Beschreibung des Ortes, der verschiedenen Musiker etc. ein… Endlich, unser gutaussehender Louis erblickt das junge Mädchen, das mit seinen überkreuzten Beinen im Rhythmus klopft. Das Mädchen wirkt, als würde sie sich in der Musik wiederfinden. Sie sieht ihn an, stumm, während sie den Refrain des Liedes mitpfeift, bedacht darauf, ja keinen Fehler zu machen. Sie mustern sich gegenseitig und studieren den jeweils anderen. Es gibt einen kaum merklichen Austausch von Lächeln, das aber noch von ihren Rollen verdeckt wird, die sie sich entschieden haben, zu übernehmen: Er spielt die Rolle des großen Saxophonisten und sie die der Musikkennerin und -liebhaberin. Am Ende des Songs wissen beide ganz genau, dass sie den anderen kennenlernen müssen, dass einer von ihnen eine schlechte Ausrede erfinden würde, um sich dem anderen zu nähern. Noch eine Haltestelle. Setzen wir fort: er kommt auf sie zu und sagt lächelnd: „Darf ich den Namen des Mädchens erfahren, dass mich die ganze Zeit beobachtet hat?“. Oh, dieser Louis (dem ich übrigens gerade zusehe, wie sein Kopf noch schlaftrunken von links nach rechts baumelt) hat es geschafft, zu überraschen mit seiner unerwarteten Verführungstaktik! Aber sie lässt sich nicht einschüchtern und erwidert mit Schlagfertigkeit: „Du hast mir die Worte aus dem Mund genommen. Ich möchte zuerst den Namen des Musikers wissen, der mir dabei zugesehen hat, wie ich mit meinen Beinen dem Takt gefolgt bin.“ Sie lächeln. Und da, meine Haltestelle. Die Blätter in der rechten Hand, den Regenschirm in der linken, drückte sie mit ihrem Ellenbogen den Halteknopf. Sie betrachtete noch einmal den Jungen, dann drehte sie sich um, um das Mädchen anzusehen und seufzte. Beim Aussteigen hatte sie ein Lächeln ins Gesicht geschrieben. Und, während sie versuchte, mit einer Hand den Regenschirm zu aufzuspannen und mit der anderen ihren Schatz gut festzuhalten, murmelte sie: „Ach, wenn sie doch nur wüssten, dass sie verliebt sind.“

Pubblicato da Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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