Der Gecko

Wie jeden Sommer fuhren die Großeltern mit ihren Enkeln ans Meer. Es war schon fast zur Tradition geworden: Sie verbrachten den ganzen Juli an den Stränden von Ligurien. Für den kleinen Matteo war das immer die beste Zeit im Jahr.

Er liebte das Meer, seinen Geruch, seine Farbe und die langen Tauchgänge (die in Wirklichkeit nur ein paar Sekunden dauerten, aber das bleibt ein Geheimnis), die bis zu den weißen Bojen erlaubt waren. Dann kam er aus dem Wasser und duschte sich ab, während er das Nörgeln seiner Großmutter hörte: „Es ist mir egal, dass das Wasser kalt ist, aber nehmt sofort das Salz heraus!“ und, mit trockener Badehose, eingewickelt in sein buntes Handtuch, den Blick seines Großvaters suchte. Dieser gab vor, ihn nicht zu bemerken und las weiter in seiner Zeitung, auf seinem Liegestuhl auf der anderen Seite des Sonnenschirms. Er machte sich Sorgen um die Manieren des Jungens und hoffte darauf, dass dieser endlich lernen würde, Bitte zu sagen. Und, als wäre es ihm gerade in diesem Moment eingefallen, setzte sich Matteo und fragte: „Kann ich Focaccia haben?“ Er musterte seinen Großvater und wartete auf eine Antwort. Die Großmutter rief sofort unter ihrem Strohhut hervor: „Matteo, wie sagt man?“ und sah ihn ermahnend an. „Weiß ich doch nicht, ich weiß nur, dass ich Focaccia haben will!“ Selbst sein Großvater, der weiterhin so tat, als würde er nichts mitbekommen, lachte nun heimlich in seinen dichten Schnurrbart, doch sie erwiderte sofort: „Also gut, dann eben nichts.“ Ohne zu zögern, beschäftigte sie sich mit strenger Miene weiter mit ihrem Kreuzworträtsel. „Bitte…“, seufzte schließlich der Junger, woraufhin er sogleich belohnt wurde.

Während er mit Freude dabei war, seine Focaccia zu verschlingen, bemerkte er, dass seine Großmutter, die ihn doch so gerne hatte, ihm überhaupt keine Beachtung schenkte. Er wagte einen Versuch: er legte sich in die Sonne, ohne sich einzucremen. Seine Großmutter, die normalerweise geschimpft und ihn unverzüglich mit Sonnencreme Faktor 50 verfolgt hätte, wandte den Blick von ihrem Magazin nicht ab.

Sein Großvater, der die Situation schließlich mitbekam, schlug seiner Frau vor, mit den Kindern in der Stadt ein Eis essen zu gehen. Aber der weibliche Teil der Familie, seine Ehefrau und seine Enkelin, wollten sich lieber im Schatten ausruhen, woraufhin die Männer losgingen. Keiner wagte es, ein Wort zu sagen: Matteo, ganz stolz, tat so, als wäre nichts, aber es tat ihm zweifellos leid; sein Großvater hielt während des kurzen Spaziergangs wortlos seine Hand. Es war also er, der den Takt vorgab und sich auf unerwartete Weise dazu entschied, nicht in die Stadt, wo sich die Eisdiele befand, zu gehen, sondern den Weg entlang des Strandes zu nehmen. Es war merkwürdig, für gewöhnlich vermied man es, sich der heißen Nachmittagssonne auszusetzen. Nun waren sie kurz davor, am Pier anzukommen, als sein Großvater stehenblieb und den großen Turm betrachtete. Es war ein alter grauer Stützpunkt, zur Hälfte verfallen, und doch war er noch heute das Wahrzeichen des Dorfes.

„Hör zu Opa, was ändert das, wenn ich nicht immer Bitte und Danke sage? Wenn ich manchmal Bitte vergesse? Ich verstehe nicht, warum Oma so verärgert war.“ „Matteo“, erwiderte dieser geduldig, „sieh dir diesen alten Turm an und sag mir, was du siehst.“ „Ich sehe einen Turm.“ „Da hast du dein Problem mein Junge, du siehst nur den Turm! Warum siehst du nicht darüber hinaus?“ „Aber Opa, ich sehe noch immer das Gleiche!“ „Du musst lernen, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten, aus einer anderen Perspektive. Du musst darüber hinaussehen. Natürlich geht es nicht nur um die Tatsache, Bitte und Danke zu sagen. Aber das, was wichtig ist, siehst du nicht: die Freundlichkeit. Ich zeige dir ein Beispiel: Wenn du hier vorbeikommst und diesen Turm siehst, würdest du sagen, dass es nur ein normaler Turm ist. Aber du siehst gut und du versuchst und lernst, die kleinen Dinge zu sehen, ihre Schönheit, du entdeckst, dass…“ „Opa, Opa, dort bewegt sich etwas! Es ist farbig und bewegt sich!“ „Du wirst sehen, dass die schönsten Dinge immer ein wenig versteckt sind. Und wenn du gelernt hast, sie zu sehen, kannst du nicht mehr daran vorbeisehen. Danke und Bitte sind nur Gesten, die aber viel mehr zeigen: die Freundlichkeit. Es ist richtig, dass du sie nicht sehen oder berühren kannst, aber sie ist da und wenn du beginnst, mit anderen Augen zu sehen, wirst du sie bemerken. Es gilt jedenfalls, aufzupassen, du musst am Grund der Dinge nachsehen und wenn du hierher kommst, wirst du stehenbleiben und bemerken, dass dieser Turm voll mit Geckos ist!“ „Opa, da ist einer, und dort ist noch einer. Opa, es sind viele Geckos dort, komm Opa, sehen wir uns den Turm aus der Nähe an!“ Und als der alte Mann und das Kind sich näherten und plötzlich verstanden, wie viele schöne Dinge sich auf einer alten grauen Mauer verstecken konnten, drehte der Junge sich um, sah ihn an und sagte: „Also muss ich es auch hierfür sagen.“ „Was meinst du, mein Junge?“. Und, als sich dieser stürmisch um den Hals des Großvaters warf, rief er glücklich: „Danke!“

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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