An meine Tochter

Ich habe mir gedacht, dir einen Brief zu schreiben, mein liebes Mädchen. Ich habe beschlossen, dass ich allein durch Wörter meine Gefühle zur Geltung bringen kann. Jemand anderes würde sie vielleicht in Musik umwandeln, ein weiterer würde die Wörter durch Tanz zum Ausdruck bringen, andere Menschen sprechen sie aus und manchen von uns ist es vielleicht passiert, diese auf Haut zu tätowieren oder sie auf die Mauern der Stadt zu schreiben. Kurz gesagt, wo auch immer du hinsiehst, wird es Wörter zu entdecken geben: von der menschlichen Faust bis hin zur bunten Herbstlandschaft. Alles auf dieser Welt hat eine Geschichte, die aus Wörtern gemacht ist. Mein Liebling, dein ganzes Leben wird eine nie endende Entdeckungsreise sein, geprägt von lustigen und traurigen Momenten, die jeder von uns wie eine kleine Last auf den Schultern trägt, und du wirst immer versuchen, neugierig zu sein, zu verstehen, all diese Wörter zu identifizieren, die uns umgeben. Ich möchte dir einen Brief schreiben, der eindeutig ist. Ich könnte mit einem Standardspruch beginnen: „Ich wünsche dir alles Glück der Welt.“ Aber mir ist es lieber, das nicht zu schreiben. Schau, ich bin nicht in der Lage, dir Glück zu wünschen und du kannst es auch nicht für dich beanspruchen. Glück ist ein Gefühl, und wie jedes Gefühl, muss man sich erst darum kümmern. Bei mir hat es neun Monate gedauert, um mein Glück zu erhalten. So funktioniert das mit den Gefühlen, sie müssen langsam heranwachsen, fast im Rhythmus der Natur, ansonsten werden sie schwerwiegend, leer und traurig. Wenn sie jedoch im Gegenteil plötzlich und aufbrausend sind, so nennt man sie Emotionen. Du kannst viele davon sammeln, aber sie werden dennoch immer unerwartet über dich kommen. Gefühle, im Vergleich dazu, sind komplizierter: zuerst brauchen sie Zeit, dann Zuwendung und schließlich viel Zärtlichkeit. Du siehst, mein Liebling, ich wünsche dir nicht einmal, Gefühle oder Emotionen zu empfinden, weil du allein die Wahl hast, diese zu spüren. Ich habe dir nur auferlegt, auf die Welt zu kommen, womit ich dein Leben wahrscheinlich schon genug beeinflusst habe. Ich könnte von Liebe sprechen, aber man spricht nicht von Liebe, man lässt sie von selbst entstehen. Ich könnte dir Fröhlichkeit wünschen, aber das wäre so falsch, dass es mir ungerecht erscheinen würde. Ich wünsche dir also nichts als meine Liebe; aber stell dir vor, dass ich dir, während ich dir zärtlich die Haare hinters Ohr streiche und so nahekomme, dass du meinen leisen Atem spüren kannst, zuflüstere: probiere verschiedenes Essen auf dieser Welt; lerne Menschen kennen, die dir so unterschiedlich sind, dass sie dir merkwürdig vorkommen; jedes Mal, wenn du die Möglichkeit hast, höre dem Regen zu; atme mit vollen Lungen den Duft von frisch gemähtem Gras;
lerne, Wörter zu lesen, um zu lernen, Menschen zu lesen; vergiss nicht, traurig zu sein, das ist wichtig – und übrigens, Traurigkeit fördert Kunst und Kreativität; sei immer höflich; versuche mindestens einmal, alle Sterne zu zählen, die du sehen kannst (im Sommer); lerne Sprachen, um dich selbst kennenzulernen; bilde immer deine eigene Meinung, anstatt die der anderen zu übernehmen; hab nicht Angst vor der Angst; sieh die Dinge aus mehreren Perspektiven; lerne gleich viel über das Leben als über den Tod; befreunde dich mit der Zeit, ansonsten wird sie dich kontrollieren; lache, aber nur wenn du es aufrichtig tust; lerne, dich zu erinnern; träume mit offenen und geschlossenen Augen; lerne von anderen, aber vor allem von dir selbst; lerne, deine Meinung zu ändern; und, vor allem, liebe die Wörter. Ja, liebe sie. Alles, an das wir denken, verwandelt sich in Wörter, eine Emotion wird zum Wort und wenn du eines Tages einen Menschen triffst, für den du keine Worte hast, ja dann liebe ihn. Und ich, während ich dich ansehe, du wunderbares Wesen, verstehe ich plötzlich, dass nur die Stille es erlaubt, wirklich zu lieben.

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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