Der Schrank

An diesem Morgen konnte er absolut nicht im Bett bleiben. Er war schon vor mehr als einer Stunde aufgewacht und jedes Mal, als er die Augen schloss, um wieder einzuschlafen, hoffte er, die Zeit würde schneller vergehen, sodass er, wenn er sie wieder öffnen würde, endlich die ersten Sonnenstrahlen durch die Spalten der Rollladen seiner Fenster sehen könnte. Er musste warten, aber er war zu zappelig und aufgeregt, um im Bett zu bleiben. Nachdem er Schafe gezählt hatte, seine Rechenaufgaben wiederholt hatte und sich Weihnachtsreime aufgesagt hatte, bemerkte er überrascht, dass es schon acht Uhr war. Er hatte keine Minute zu verlieren, der große Tag war gekommen: Der Tag des Schranks. Heute würde er offiziell in die Welt der Erwachsenen eintreten.

Nun, meine lieben Leser, ist es wohl an der Zeit, euch von jenem Schrank, der sich normalerweise am Eingang eines jeden Hauses dieser westlichen Metropole befindet, zu erzählen. Beim Eintreten durch die Tür befindet sich rechts oder links vom Eingang ein großer Schrank mit einem Spiegel, der fast genauso groß wie dieser ist. Bis jetzt werden Sie sich denken, dass es daran nichts Außergewöhnliches gibt. Sie werden mir sagen, dass dies der Schrank ist, wo man seine Mäntel und Jacken verstaut und dass der Spiegel dazu da ist, sein Aussehen noch ein letztes Mal zu überprüfen, bevor man das Haus verlässt. Sie werden sich vielleicht denken, dass es ein wenig merkwürdig ist, dass jeder einen davon hat, aber Sie wird wahrscheinlich nichts daran stören. Das ist schon richtig, aber dieser Schrank beinhaltet weder elegante Pelzmäntel noch leichte Sommerjacken. Er beinhaltet nicht einmal Wollhandschuhe oder schicke Hüte. Dieser Schrank enthält… also gut, das fragen wir besser unseren Protagonisten. „Hallo junger Mann.“. Der Junge erwachte schlagartig und richtete sich kerzengerade im Bett auf. „Sprechen Sie mit mir?“ „Natürlich spreche ich mit dir! Mit wem sonst? Wir wissen, dass heute dein großer Tag ist, der Tag des Schranks.“ Enthusiastisch stellte er sich auf die Bettkante, stellte sich eine große Menschenmenge vor ihm vor und, während er seine Hand auf sein Herz legte, als würde er die Landeshymne singen, verkündete er ehrenvoll: „Heute ist der Tag des Schranks und ich werde zum Erwachsenen.“

Ihr seht, meine lieben Leser, in dieser westlichen Metropole wurde man zum Erwachsenen, sobald man jenen Schrank öffnen durfte. Oder viel mehr zum sogenannten Erwachsenen. „Auf was wartest du? Nun mach schon, zeig uns was in diesem besagten Schrank…“ Bevor der Satz noch beendet war, zog er sich schon eifrig an, wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne, nahm seine Hausschuhe und, während er die Luft anhielt, rannte mit voller Geschwindigkeit die Treppe hinunter, die noch im Dunkeln lag. Sein Vater, der die Vorfreude seines Sohnes teilte, war schon in der Küche und gerade dabei, gemeinsam mit seiner Frau das Frühstück vorzubereiten. Sie sahen sich nicht an, sosehr waren sie damit beschäftigt, sich von den Fernsehnachrichten berieseln zu lassen. Das Frühstück war ordentlich und einfach. Ein Milchkaffee und zwei Kekse mit Marmelade für sie, ein Toast und ein bitterer Kaffee für ihn. Ihr möchtet, dass ich euch die beiden beschreibe, nicht wahr? Nur um sich ein besseres Bild von der Szene verschaffen zu können. Es tut mir leid, aber ich kann es nicht. Viel eher kann ich davon sprechen, dass die Küche hübsch eingerichtet ist, allerdings relativ gezwungen und kalt. Ich kann euch erzählen, dass sie sehr elegant aussah in ihrer engen Hose und weißer Leinenbluse. Er, im Gegenteil, trug noch seinen schwarzen Seidenpyjamaund war barfuß. Was ihre Gesichter betrifft, kann ich euch wirklich nichts sagen. Ich weiß nicht genau warum, aber es ist, als könnte ich sie nicht sehen. Ich versuche es mit allen Mitteln, ihr wisst, dass ich normalerweise alles für meine Leser mache, aber dieses Mal kann ich es wirklich nicht.

Sofort bemerkten die Eltern, dass ihr Sohn im Türrahmen stand und sie mit einem verträumten Blick ansah. „Komm, mein Liebling, gehen wir zum Schrank.“ Und da standen sie alle drei vor dem Schrank, am Eingang zu einem neuen Leben. Der Junge, zwischen seinen beiden Eltern stehend, sprach kein Wort, aber rieb sich die Hände und streckte sie anschließend entlang der Seite seiner Hose aus, wo sie kleine Schweißflecken hinterließen. Der Vater, etwas gleichgültig, war kurz davor, die Tür des Schranks aufzumachen; die Mutter fixierte den Blick ihres Sohnes mit dem Objektiv ihrer Handykamera, während sie auf seine Reaktion wartete. Alles war bereit. Die Schranktür wurde geöffnet. Ein grelles Licht strömte heraus, das den erstaunten und perplexen Ausdruck des Jungen erhellte. Die Mutter hielt den Augenblick fest, der Vater trat etwas zurück, um einen besseren Überblick der Szene zu haben und den Jungen allein seiner neuen Realität gegenübergestellt zu lassen. „Aber ich verstehe nicht, aber das sind …“ „Sag es, mein Liebling, sag es laut!“ „Das sind Masken!“ „Aber natürlich, mein Liebling, das sind Masken! Es ist so einfach, man muss sich nur daran gewöhnen. Wenn du sie das erste Mal trägst, ist es ein bisschen schmerzhaft, du wirst dich fast schuldig fühlen, weil du dein wahres Gesicht bedeckst. Aber schau dir Mama und Papa an, wie sie sie gut tragen. Siehst du?“ „Aber sie werden meine Nase eindrücken, mir auf der Stirn wehtun und sind noch nicht einmal in meiner Größe!“ Seine Mutter, die nun fast etwas eingeschnappt war von diesen undankbaren Beschwerden, sagte: „Aber Liebling, das sind doch nicht die Masken, die sich an dein Gesicht anpassen, es ist dein Gesicht, das sich an die Masken anpassen muss. Siehst du, wie wir es gemacht haben? Ohne Masken wären wir nicht wiederzuerkennen, wir haben keine Gesichtsausdrücke mehr zu zeigen. Die Maske wird deine Identität. Je nachdem, was du vorhast, suchst du die Maske aus, die am besten passt. Jetzt muss ich tatsächlich los, mein Junge, ich muss zur Arbeit, reich mir bitte diese Maske dort. Nein, nicht diese da, die andere, die die ein bisschen verärgert aussieht, aber trotzdem ein kleines Lächeln aufgesetzt hat – so wird diese Bürobesprechung wie im Flug vergehen.“ „Komm mein Sohn, nehmen wir die gleiche Maske, um in den Park zu gehen.“ „Aber Papa, ich habe keine Lust, in den Park zu gehen.“ „Das ist der Vorteil der Masken. Wir, die Erwachsenen, wir machen fast nur Dinge, die wir gar nicht machen wollen, aber die meiste Zeit kümmert uns das nicht. Wir laden Leute zum Abendessen ein, die wir eigentlich gar nicht mögen, wir kaufen Kleidungsstücke, nur um sie anderen vorzuführen, wir essen, was die Werbungen uns sagen und wir arbeiten hart, um viel Geld zu verdienen, das uns schlussendlich auch nicht glücklich macht. Aber niemand wird es jemals erfahren, denn wir setzen eine hübsche, fröhliche Maske auf und sind so, wie uns andere sehen wollen. Und gut so.“ „Na gut Papa, dann werde ich diese Maske nehmen, die ein großes Lächeln aufgesetzt hat und komme in den Park mit dir.“ „Sehr gut, mein Liebling, und nimm auch eine zur Reserve mit, die traurig aussieht, nur für den Fall. Der Junge dachte sich nun, dass dies eigentlich ganz praktisch war, da er ab jetzt nie wieder so tun müsste als ob, denn er würde von einer Maske bedeckt sein, die dies an seiner Stelle tat. Er war in die Welt der Erwachsenen eingetreten, und er fühlte, dass die Sache mit den Gefühlen etwas war, das er von nun an beherrschen konnte. Und, falls er in Zukunft traurig war und ihm zum Weinen zumute war, müsste er nur eine Maske aufsetzen, die sogleich ein glückliches Lächeln vortäuschte.

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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