Das Gemälde

Es versprach, ein wunderbarer Tag zu werden. Dies machte sich bereits durch die ersten Sonnenstrahlen bemerkbar. Die Sonne verbreitete schon Wärme, aber eine leichte, angenehme Brise bewegte die Fensterläden zu ihrem Zimmer. Das Wechselspiel zwischen vollkommener Dunkelheit und Licht störte den Schlaf des jungen Mädchens. An Tagen wie diesen fühlte sie sich besonders melancholisch. Es war immer das gleiche: Sobald sie in das Ferienhaus ihres Vaters fuhren, lebte sie die ersten paar Tage mit einer vollkommenen Gleichgültigkeit dahin, als ob sie schlafen würde, sodass sie die Realität um sie herum nur verschwommen wahrnahm. Das Frühstück mit ihrer Tante, die langen Gespräche am Esstisch, die Familienfotoalben, die jeden Abend unveränderlich angesehen wurden und selbst die Kleidung, die sie trug, erschienen ihr nicht wirklich. Sie stellte sich viele Fragen, auf die sie keine Antworten wusste. Sie las viel, aber übersprang dabei die Beschreibungen und manchmal sogar mehrere Zeilen. Alle dachten sich das gleiche: die Tanten, die sie kritisierten, sie in Wirklichkeit aber beneideten, ihre Cousins, die Bediensteten des Hauses bis hin zum jungen Gärtner des Anwesens. Wenn sie tanzte, waren alle Blicke auf sie gerichtet; am Tisch war sie diejenige, die sich am meisten zurückhielt; beim Frühstück war sie immer die Eleganteste von allen. Ihre Ausstrahlung der Einsamkeit gab ihr ein atemberaubendes Aussehen, sie wirkte wie eine lebendige Statue. Und dennoch gab sie fast alles dafür, um unbemerkt zu bleiben. Sie sprach so gut wie nie, auf Komplimente reagierte sie nur mit einem schüchternen Lächeln. Nach dem Abendessen blieb sie nie länger als notwendig, um die unnötigen Diskussionen zu vermeiden und sie kam niemals spät nach Hause. Niemand wusste genau, was sie während der langen Tage so machte. Man sah ihr zu und bewunderte ihre Art des Existierens. Ach, wenn sie doch nur all die schönen und die außergewöhnlichen Dinge dieses Mädchens verstehen würden. Wenn sie sie doch nur bitten würden, von ihrem Schmerz zu sprechen, wenn sie doch nur das Wesentliche erkennen würden, ohne sie zu verherrlichen, sondern ihr einfach nur mit einem Lächeln begegnen würden. Wenn sie doch nur das geringste Interesse daran hätte, so zu sein, wie sie wirklich war, der ganzen Welt zu zeigen, an was sie glaubte, so wäre es bestimmt nicht zu diesem Spaziergang in der Sonne gekommen. Ab und zu hätte sie schon Lust dazu gehabt. Man sagte, dass sie immer pünktlich und höflich bei den gemeinsamen Essen erschien, und, bei der ersten unpassenden Bemerkung, sei es unsinniges Geplapper der Hausherrin, ein dummer Witz ihres Onkels oder das nichtssagende Geschwätz von einem der vielzähligen Gäste, würde sie dieses Mal einfach aufstehen. Alle würden sie erstaunt ansehen, die Dienstmädchen würden alle vor Ort versammeln, von den Köchen bis zu den Stallburschen. Und, während sie sich Zeit nehmen würde, sich umblickend, ohne ihre Mitmenschen, ihr Publikum, wirklich zu sehen, würde sie ihnen alle Ungerechtigkeiten, all ihren Schmerz, all ihre kritische Gedanken über diese kleine und nutzlose bürgerliche Gesellschaft, ihre unangenehmen Erinnerungen, ihre maßlosen Worte, ihre einfachen Urteile, die Frauenfeindlichkeit der Männer des Hauses, den falschen katholischen Konservatismus ihrer Tante und noch viel mehr, all das würde sie ihnen vor die Füße spucken. Sie würde ihren Silberschmuck zu Boden werfen und sich so vom Gewicht der falschen Moral befreien. Schließlich würde sie sie anschreien, dass dieses Haus nur ihrem Vater gehören würde und dass sie alle ihren Reichtum verschwendet hätten, die Höflichkeit verurteilt hätten und all die Werte, die ihr Vater achtsam und liebevoll in dieses Haus gebracht hatte, vergessen hätten. Sie würde fortgehen, frei von allem und allen, mit leerem Blick aber mit erhobenem Kopf. Aber all das war nicht möglich. Es war nicht möglich, denn, auch wenn alles wie geplant laufen würde, gab es die Meinungsfreiheit der Frau zu jener Zeit noch nicht. Sie selbst wusste nicht einmal, was Freiheit überhaupt war. Niemand wusste es. Sie hatte Sehnsucht nach einer Person, die sie verstehen könne. Mit diesen Gedanken zog sie ihr schönstes Kleid an, das weiße. An diesem Tag nahm sie auch einen Sonnenschirm, um sich vor der Sonne zu schützen. Sie hatte sich frisiert und Makeup aufgetragen, sie war sehr schön. Elegant wie sie war, machte sie sich auf den langen Weg, der sie auf den Hügel führte. Sie ging zum einzigen Ort, an dem sie sich frei fühlen konnte, in diesem Moment und noch für lange Zeit: Umgeben von der Natur, den Kopf in den Wolken. Amélie lächelte zufrieden, weil das Werk wahrhaftig die Geschichte jener Frau darstellte. Sie entfernte sich von dem Gemälde und machte ein paar Schritte nach hinten. Sie hörte, wie die Tür sich öffnete, aber das war ihr nicht wichtig. Sie betrachtete das Kunstwerk, bis Diego das Zimmer betrat und mit erstaunter Miene sagte: „Aber mein Liebling, das ist die Frau mit Sonnenschirm von Monet!“

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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