Der geheimnisvolle Blumenladen Mulberry

Die dunklen Wolken hingen schwer über London. Es war ein grauer, melancholischer Samstag und eine unbehagliche Stimmung lag seit dem Morgengrauen über der Bond Street. Und dennoch gab es einen Ort, oder besser gesagt einen Laden, in dem sich die Gesamtheit des Gestanks und des Lärms der Stadt in Luft aufzulösen schien: ein kleines Paradies auf Erden, umhüllt von einer bezaubernden Atmosphäre aus Düften, Gefühlen und Erinnerungen: der Blumenladen Mulberry. Miss Pym lebte in ihrem kleinen Geschäft, in das man dank glasklarer Vitrinen einen Blick von außen erhaschen konnte; sie kümmerte sich gewissenhaft um die Zusammenstellung von neuen Blumensträußen und die Anordnung der Blumenvasen, die mit unzähligen prächtigen Blüten bestückt waren. Den ganzen Tag lang konnte man beobachten, wie die etwas ältere Dame behutsam verschiedene Blumen zusammensammelte, sie in ihren Schoß legte, als wären sie kleine Kinder, anschließend mit ihnen sprach und sie in ihre Vase steckte.

Hier kam auch schon die erste Kundin des Tages. Miss Pym öffnete mit einem Schwung die alte, knarrende Tür. „Guten Tag und herzlich willkommen! Ich bin so glücklich, Sie wieder zu sehen, es ist schon lange her!“. „Oh meine liebe Pym, ich bin hierhergekommen, weil ich mir sicher bin, dass Sie die Einzige auf dieser Welt sind, die mir helfen kann, mein Problem zu lösen. Heute Abend findet ein Wohltätigkeitsfest bei mir zuhause statt, aber ich habe ganz vergessen, mich um die Blumendekoration zu kümmern! Helfen Sie mir bitte, ich möchte etwas Schönes kaufen und mich von dieser Sorge befreien.“ Ein sanftes Lächeln umspielte die Lippen der herzlichen Frau und sie antwortete sogleich: „Meine Liebe, eine Blume ist viel mehr als nur eine einfache Dekoration. Man kann sie nicht einfach zufällig wählen, wie ein Geschenk für eine Person, die einen nicht besonders kümmert: eine Blume ist eine Farbe, ein Duft und vor allem übermittelt sie eine Nachricht. Eine Blume kann Geheimnisse ausplaudern, Emotionen und Zuneigung ausdrücken, die von uns Menschen nicht in Worte gefasst werden können. Eine Blume hat immer eine eigene Bedeutung. Kommen Sie mit, meine Liebe, Sie werden sehen, wir werden die perfekte Auswahl treffen.“

Während die junge Frau der Floristin durch das blühende Paradies folgt, dreht diese ihre zarte, faltige Hand und richtet ihren Zeigefinger nach oben auf die Decke: „Alles hat einen Sinn, man muss nur danach suchen, um ihn zu verstehen. Sehen Sie sich diese Decke an, die voll mit Lorbeeren bewachsen ist: Es ist kein Zufall, dass ich beschlossen habe, sie dort wachsen zu lassen! Einer griechischen Sage nach war die schöne Daphne die erste Liebe von Apollo: dieser, getroffen von Armor’s Pfeil, hatte sich Hals über Kopf in Daphne verliebt, die schöne Tochter von Peneios, die aber vor ihm flüchtete. Die Jungfrau war irgendwann so erschöpft, dass sie ihren Vater darum bat, ihre reizvolle Gestalt zu verändern, um dem begierigen Apollo zu entkommen. So wurde sie in einen Lorbeerstrauch verwandelt.“ „Diese Geschichte gefällt mir nicht, so eine Nachricht möchte ich nicht an meine Gäste vermitteln; warum soll Schönheit zur Strafe werden?“ Pym antwortet mit einem allwissenden Lächeln: „Aber sie wird doch nicht zur Strafe, ihre Schönheit war so rein, dass sie niemandem gehören sollte. Aus diesem Grund habe ich den Lorbeer nach oben gegeben, damit er unerreichbar für all jene bleibt, die nur äußere Schönheit aber nicht die inneren Werte sehen. Das ist auch der Grund, warum ich dir von Narzissen abrate. Der Stängel, anstatt schön und gerade

zu bleiben, tendiert dazu, sich zu verbiegen – so wie der schöne Junge aus der Sage, der sie ihren Namen verdankt.“ „Ah, ich kenne schon genug Narzissten in dieser Stadt, sie umgeben mich andauernd, da will ich lieber vermeiden, sie auch noch in Vasen zu stecken!“, seufzt die junge Frau, die schon dabei war, einen Blick auf die anderen Blumenvasen zu werfen. Miss Pym zeigt ihr also die hintere Seite des Ladens, die voll mit anderen Überraschungen war: „Ich kann Ihnen diese schönen Magnolien empfehlen: ihrer frühhistorischen Herkunft nach vermitteln sie Würde und Beharrlichkeit. Aber vielleicht möchten Sie lieber Dahlien – eine elegante und eindrucksvolle Blume, dank ihrer breiten Farbvielfalt, die ein charmantes Farbspiel bewirkt.“ Sie sieht sie prüfend an. „Aber Sie erscheinen mir nicht sehr überzeugt von dieser Blume“. Die junge Frau seufzt mit verträumten Augen und sagt mit leicht erhobener Stimme: „Ich sehe mich um und sehe dieses lebendige Bild von Schönheit, von Natur. Ich fühle mich wie mitgerissen von jener leichten Brise, die Daphne auf ihrer Flucht enthüllte und von ihr in Richtung der bunten Düfte gezogen. Es kommt mir vor, als würde ich wahrhaftige Gefühle empfinden, die Liebe zwischen Philemon und Baucis, die Traurigkeit von Ceres und den Zorn von Juno über die Untreue ihres Ehemannes. Ich fühle mit ihnen allen, mit all jenen Gestalten die hier in diesem kleinen Blumenladen vereint sind. Ich würde sie gerne mitnehmen, diese Euphorie, diese Leichtigkeit und diese Harmonie, ich würde sie gerne mitnehmen in mein tägliches Chaos.“ „Sie ähneln wirklich Ihrer Mutter. Wissen Sie, was sie gemacht hat, als ich ihr all die verschiedenen Blumenarten gezeigt habe? Nachdem ich sie an den Nelken, den Iris und den Lilien riechen lassen habe? Sie hat ihre Hand in eine Vase voll mit Platterbsen gesteckt und eine große Menge davon genommen. Dann, überglücklich, hat sie damit den Laden verlassen, mit einer Würde als hätte ihr die Königin höchstpersönlich aus einem der in der Bond Street geparkten Wagen zugewunken. Diese Blumen waren bestimmt nicht ihre bewusste Wahl, aber eine Erinnerung, die sie dazu verleitet hat. Wer weiß, vielleicht duftete es im Haus ihrer Großmutter immer nach frischen Platterbsen, die in einer schönen Kristallvase aufgestellt waren? Was denken Sie, ist das nicht eine schöne Geschichte?“ „Also gut, ich habe mich entschieden, geben Sie mir bitte eine Handvoll duftender Platterbsen, denn heute Abend wird auch meine Mutter kommen!“

Während sie den kleinen Laden verlässt, blickt sich die junge Frau noch einmal zu Pym um, deren mit Falten umrandete Augen, die aber noch immer strahlen, ihre Gefühle nicht verstecken können; sie grüßt sie lächelnd zum Abschied: „Sie sind wirklich wie Ihre Mutter! Bis bald, Miss Dalloway!“.

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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