Die Nacht davor

Es ist das Dilemma von uns jungen Leuten. Bleiben oder fortfahren. Reisen oder zuhause sein. Sie stellte sich oft die Frage: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Es ist vollkommen normal, seine eigenen Erfahrungen zu machen, individuelle Entscheidungen zu treffen und ein bisschen zwischen Krieg und Frieden mit sich selbst zu stehen. Sie wollte sich voll und ganz selbst finden, lernen, sich zu lieben und vor allem wäre es eine wunderbare Erfahrung, durch die sie Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen könnte. Alle haben wir den Drang, wegzufahren und wiederzukehren, Neues zu entdecken und vor allem zu leben – ohne Limit. Ja, es stimmte schon, man konnte so seinen Horizont erweitern, aus sich selbst herausgehen und vielleicht auch noch Sprachkenntnisse verbessern.

So lag sie gegen drei Uhr morgens in ihrem Bett und betrachtete eine Ecke des Zimmers, die vom Mondlicht erhellt war, das sich schleichend seinen Weg durch einen Spalt der Fensterläden ins Zimmer gebahnt hatte. Das Mädchen drehte sich auf die andere Seite. Er war da, an ihrer Seite. Er schlief tief und fest, in ihre Richtung gedreht, mit einer Hand auf seinem Bauch. Er atmete regelmäßig, seine Stirn war etwas angespannt und er seufzte von Zeit zu Zeit. Und sie, sie war auch da. Sie lag still, wie versteinert, da sie nicht verstehen konnte, wieso sie ihn verlassen würde. Sie fragte sich, wie er es nur schaffte, so gut zu schlafen.

Aber er, er schlief nicht. Er hatte seine Augen geschlossen, doch in Wirklichkeit bewegten sich seine Pupillen darunter hektisch hin und her. So als ob sie die tiefe Dunkelheit absuchen würden, auf der Suche nach glücklichen Gedanken und Bildern, die schnell an ihm vorbeizogen, obwohl er sie am liebsten festgehalten hätte – denn in diesen Erinnerungen waren die beiden zusammen. Betrachtete man die Szene von oben, sah man die beiden Gestalten: Eine mit geschlossenen, die andere mit weit aufgerissenen, glänzenden Augen; die eine atmete tief und fest, die andere lag nahezu regungslos da; eine, die sich fühlte, als würde die Welt hinter ihr zusammenbrechen, die andere auch. Dennoch, sie versuchten sich zu sagen, dass es nicht allzu schwierig sein würde, dass dies die gerechteste Lösung war, dass sie sich nicht voneinander einschränken lassen sollten, dass sie sich anpassen würden und von dieser Zeit profitieren würden. Trotzdem, die Angst war da. Einer von ihnen könnte jemand neues kennenlernen, der andere könnte somit die Beziehung in Frage stellen, die seit mehreren Jahren fast perfekt lief. Irgendwann könnte die Entfernung alte Wunden öffnen und zu neuen Unsicherheiten führen. Genau in diesem Moment zuckte der Körper des Mädchens. Und er, durch dieses Zucken, öffnete seine Augen. Und er sah sie an. Sie schien ihm ruhig, vielleicht schlief sie. Er konnte den Schlaf nicht finden. Am liebsten würde er sie anflehen, hierzubleiben, auf diesem Bett, für immer und ewig. Aber was für ein egoistischer Gedanke das war. Ich weiß, das ist eine der zahlreichen Herausforderungen von Liebe, denen man sich stellen muss. Liebe gibt einem das Gefühl, als würde man für immer in diesem einen Moment mit dieser einen Person bleiben wollen, auch wenn man sich streitet, weil der eine zu laut Radio hört, auch wenn dieser tagelang den Abwasch nicht macht, auch wenn der andere zu spät nachhause kommt oder stundenlang nicht abhebt. Aber sie, sie war glücklich, sie wollte weg und er, er sollte doch einfach nur schlafen. Er hatte es versucht.

Sie sah ihn aus dem Augenwinkel an, sie war nicht sicher, ob er schlief oder nur so tat als ob. Plötzlich kam ihr ein Einfall, wodurch sie schlagartig wach war; es war keine Erinnerung, aber ein plötzlicher Gedanke. Sie atmete tief ein, sie nahm wahr, wie die Zeit verging und sagte sich, dass sie diesen Moment nie wieder erleben würde. Dieser exakte Moment, in dem jeder ihrer Atemzüge leicht den Arm von Thomas anhob, der sich gleich danach wieder senkte, sobald sie ausatmete und somit die türkisfarbene Bettdecke bewegte. Dieser Moment würde vorbei sein und die einzige Erinnerung würde eine durchwachte Nacht sein, in der sie stundenlang die Decke und deren drei dunkle und die eine vom Mond erhellte Ecke angestarrt hatte. Dann kam ihr der wunderbare Einfall und plötzlich fühlte sie sich unendlich erleichtert. Er, der durch die erneute Bewegung nun seine Augen weit geöffnet hatte, sah sie erwartend, ja fast ungeduldig an. Sie lehnte ihre Stirn an seine und flüsterte ihm zu: „Ich werde dich lieben“. Sie hatte ihre Wörter gut ausgewählt, um ihm klarzumachen, dass sie, Roberta, ihn lieben würde, für immer. Er lächelte. Und sofort, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, antwortete er: „Ich werde dich lieben, sogar noch ein bisschen mehr.“ Daraufhin drehten sie sich um und schliefen schließlich ein. Thomas auf der rechten, Roberta auf der linken Seite. Jeder von ihnen hatte zurzeit andere Ziele im Leben, aber das war nicht weiter schlimm. Und auf einmal hatte sich der Anblick von oben auf die beiden Körper verändert. Ihre Form sah aus wie ein liegender Schmetterling. Auch wenn beide Körper in unterschiedliche Richtungen lagen, ihre Rücken lagen aneinander und ergaben so die Form des Schmetterlingkörpers, wo normalerweise die Flügel ansetzen würden. Sie waren so bunt und zerbrechlich, ein Symbol der Jugend, die Flügel dieses großen Schmetterlings, und trotzdem standen sie von nun an für eine Liebe ohne Zweifel; sie breiteten sich aus und waren von da an zum Abflug bereit.

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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