Es ist eine Frage von fünf Minuten

6 Uhr morgens.

Lucie steckt den Schlüssel ins Schloss der Haustür. Sie hält ihren Atem an, um so noch weniger Lärm zu machen. Sie dreht den Schlüssel einmal nach rechts.

Luca, ihr Sohn, schläft tief und fest in seinem Zimmer, das neben dem Gang zur Küche liegt.

Paul, ein alleinstehender, 60 Jahre alter Mann, der im Stock darunter lebt, wacht auf. Er schaut auf die Uhr und seufzt. Er setzt sich auf die Bettkante und starrt ins Leere. Er scheint aufgewühlt zu sein.

Im gleichen Moment bleibt der Müllwagen vor dem Wohnhaus stehen, um den Gehsteig zu säubern.

Im dritten Stock ist Sophie, die wegen vorgetäuschten Bauchschmerzen die Nacht auf dem Sofa verbringt. Ihr Mann Jacques hingegen schläft im großen Bett, die kleine Eleonora an seiner Seite.

6:01

Lucie schließt vorsichtig die Tür. Bevor sie den Flur durchquert, bleibt sie vor Lucas Zimmer stehen. Sie nähert sich leise dem Bett und beobachtet seine tiefen Atemzüge, dann hebt sie den Blick, um nach Viviane, seiner Zwillingsschwester zu sehen – doch deren Bett ist leer. Lucie ist verblüfft.

Luca träumt, gegen drei Drachen auf einmal zu kämpfen, und es scheint, als würde er dank seines magischen Zauberstabes gewinnen.

Paul starrt noch immer ins Leere und greift sich an die Stirn, als ihn eine plötzliche Hitzewelle überkommt. Er ist schweißgebadet. Er ist verwundert, normalerweise passiert ihm das nie. Seine Hände sind feucht und die Bettlaken riechen nach Schweiß. Er braucht eine Dusche. Eiskalt.

In diesem Moment bleibt der Müllmann neben dem kleinen Tor zum Wohnhaus stehen und schickt seiner neuen Freundin eine Nachricht. –Guten Morgen, mein Liebling.

Sophie ist aufgewacht, sie sieht aus dem Fenster. Die Stadt ist noch dunkel, der Mond steht hoch am Himmel und da ist dieser Müllmann, der in sein Handy tippt. Und sie, sie würde am liebsten sterben.

6:02

Lucie fängt an, loszulaufen. „Warum ist sie nicht in ihrem Bett? Ist das normal, das ich, nachdem ich nach einer langen Nacht von der Arbeit zurückkomme, meine Tochter nicht in ihrem Bett vorfinde? Eine lange und anstrengende Nacht, denn, natürlich, hatten sie mir wieder Zimmer 13 zugeteilt und ich konnte ja wieder mal nicht nein sagen. Mich würde wirklich interessieren, was mein Mann macht. Wie kommt es, dass er nie bemerkt, was abläuft?“ Im Badezimmer ist keiner. Ihr wird schlecht. Mit bestimmtem Schritt läuft sie ins Zimmer.

Luca dreht sich in Richtung Mauer. Es ist wirklich schwierig, diese drei Drachen auf einmal zu besiegen!

Paul ist unter der Dusche und fühlt sich endlich etwas weniger schwach. Er dreht den Wasserhahn nach rechts, und, unter dem Dampf des nahezu kochenden Wasserfalls, beginnt er zu weinen. Er hält sich an der Mauer fest, den Kopf gesenkt. Das Wasser läuft seine Haare hinunter und über seinen Körper und er sagt sich: „Ich habe Angst. Ich habe Angst, verdammt nochmal!“

Der Müllmann pfeift Lucio Dalla; er ist verliebt.

Sophie erhält eine Nachricht von ihrer Schwiegermutter, die laut WhatsApp das letzte Mal um vier Uhr online war. –Lässt euch die Kleine mal wieder nicht schlafen?– Sophie starrt ihr Handy mit hasserfülltem Blick an. Dank eines plötzlichen Energieschubes schafft sie es, ins Badezimmer zu gehen und sich zu schminken.

6:03

Lucie reißt die Tür zum Schlafzimmer auf und geht bestimmten Schrittes zum Bett, diesmal ohne darauf zu achten, wieviel Lärm sie macht. Ihr Ehemann wacht auf schlagartig auf und, bevor sie den Mund aufmachen kann, legt er den Zeigefinger auf seine Lippen und deutet ihr, still zu sein. Dann zeigt er auf die schlafende Viviane, die fest an ihn geklammert schläft. Lucie lächelt und denkt sich, dass sie sich manchmal wirklich umsonst Sorgen macht. Sie flüstert: „Tut mir leid! Ich komme gleich.“

Luca schnarcht.

Paul steigt aus der Dusche, und, ohne sich abzutrocknen, wodurch er im ganzen Haus Wassertropfen verteilt, geht er ins Wohnzimmer, nimmt sein Telefon und wählt eine Nummer. Einige Sekunden vergehen. „Hallo, Doktor, was ist los?“. Paul atmet lange aus, dann sagt er plötzlich: „Ich werde nicht operieren heute. Geben Sie die Operation an jemand anderes weiter, aber ich werde das Kind nicht operieren.“ Er legt auf.

Der Müllmann hebt den Blick und sieht interessiert die Lichter an, die in mehreren Wohnungen des Hauses bereits an sind. Er überquert die Straße, um den Gehsteig davor zu reinigen.

Sophie hat entschieden, kein Make-Up aufzutragen, sondern nur Lippenstift, ein dunkles, schönes Rot. Ein bisschen Mascara. Sie nimmt ihr Schminktäschchen und gibt es in ihre Handtasche. Sie geht ins Zimmer, macht das Licht an und fängt an, die Schubladen von Eleonora zu öffnen, um warme Klamotten herauszunehmen. Jacques dreht sich im Bett und wacht auf, als er bemerkt, dass das Licht an ist. „Was machst du? Warum ziehst du die Kleine an?“ Eleonora ist auch aufgewacht und weint.

6:04

Lucie zieht ihren Pyjama an und legt sich ins Bett. Viviane streckt ihre Arme und Beine aus, als würde sie beide Elternteile gleichzeitig berühren wollen. Lucie und ihr Ehemann können nicht anders und müssen leise lachen.

Luca, hat es nun geschafft, den ersten Drachen zu besiegen.

Paul ruft jetzt den Chefchirurgen, seinen besten Freund, Mario, an: „Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr operieren. Beim letzten Mal habe ich einen Fehler gemacht und ein Kind ist wegen mir gestorben. Lass mir diesen Patienten nicht, ich will nicht mehr operieren, ich will war nichts mehr machen. Ich kann nicht mehr, ich bin zu alt dafür. Ich bin nichts als ein armseliger alter Mann.

Der Müllmann pfeift weiter vor sich hin, während er immer wieder auf sein Handy schaut.

Sophie hat das Mädchen in ihre Arme genommen und sie in den Kinderwagen gelegt. Jetzt sind sie im Wohnzimmer. Jacques ist aufgestanden und steht mit offenem Mund neben dem Bett. Sophie geht ins Zimmer und nimmt ihr Handy.

6:05

Lucie, Viviane und der Vater schlafen.

Luca hat alle Drachen besiegt.

Paul fühlt sich gut, er fühlt sich frei. Er würde nie wieder etwas Schlechtes machen. Mario hat ihm angeboten, neue Chirurgen auszubilden, er würde somit nie wieder ein Skalpell anfassen müssen, das war ihm mehr als Recht. Er nimmt die Akte seines Patienten und beginnt, sie nochmals durchzulesen, während er Kaffee zubereitet.

Sophie liest laut die Nachricht ihrer Schwiegermutter vor. Sie beschließt, ihr eine Sprachnachricht zu senden: „Hallo Anna, ich möchte dir sagen, dass ich nicht geschlafen habe diese Nacht – aber nicht wegen der Kleinen, sondern weil ich herausgefunden habe, dass dein Sohn mich seit mehreren Wochen betrügt. Mit einer jungen Frau, die er im Fitnessstudio kennengelernt hat. Und ich weiß nicht, wie ich es ihm oder wie ich es dir sagen soll, aber ich möchte, dass er diese Wohnung bis Mittag verlässt, wenn ich wieder mit Eleonora zurück komme, nachdem ich meine Eltern und meinen Anwalt gesehen habe.“ Jacques sieht sie ungläubig an und fällt auf seine Knie. Ohne ihn noch einmal eines Blickes zu würdigen, nimmt sie das Kind in die Arme, verlässt den Raum und dann die Wohnung.

Der Müllmann erhält eine Nachricht. –Guten Morgen, Schatz!-

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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