Super G

Alles war sauber, alles war aufgeräumt. Auch die schwarzen Tafeln waren frisch gewischt, bis auf einen Satz, den man dort jeden Morgen fand: „Guten Morgen Kinder, ihr seid die beste Zukunft dieser Welt!“. Die Thermoskanne, voll mit heißem Kaffee, stand auf dem Tisch im Lehrerzimmer bereit. Die Heizkörper waren schon vor einer guten Stunde eingeschaltet worden. Und die Zeitungen, die unterschiedliche Schlagzeilen trugen, lagen auf der kleinen wackeligen Bank, die sich nicht weit vom Eingang der Schule befand, bereit; neben ihnen dieses Mal ein Werk von Hemmingway. Die Lehne jener Bank war voll mit Kritzeleien der Schüler und Tintenflecken. Einer der Füße wurde von einem klein gefaltetem Papierstück gestützt.

So ging die tägliche Routine los: Teresa, die pingelige und leicht reizbare Naturwissenschaftslehrerin, kam vor allen anderen an und grüßte ihn. Als sie das Lehrerzimmer betrat, konnte sie sich, beim Anblick des heißen Kaffees, der sie dort erwartete, ein Lächeln kaum verkneifen. Dann kamen nach und nach die anderen Lehrer: Marco, der Religionslehrer, der vor allem als geschickter Torschützer während der großen Pause bekannt war.

Julia, mit müdem Gesicht, die aber durch gleichmäßig aufgetragenes Make Up und einen zarten Vanilleduft frisch wirkte, war die beste Italienischlehrerin, die man sich nur wünschen konnte. Das waren nicht alle: „Guten Morgen Karl, guten Morgen Luisa, ihr seht aber motiviert aus heute! Oh, Herr Direktor, was für eine Freude, Sie zu sehen, möchten Sie eine Tasse Kaffee? Er ist noch heiß.“ Und dann kamen die Kinder. Sobald er ihre Stimmen aus der Ferne hörte, lief er nach draußen. Er zog nicht einmal einen Mantel an, sondern trug nur seinen Arbeitsanzug. Zuerst grüßte er die Mütter und sprach mit den Großeltern, die ihre Enkel zur Schule brachten. Er kannte alle Vornamen der Schüler und die ihrer Familienmitglieder. Dann winkte er dem Onkel von Beate (3. Klasse) zu und die beiden fingen an, über das Fußballspiel vom letzten Sonntag zu diskutieren, anschließend empfing er die Kinder, die mit dem Bus zur Schule kamen.

Sobald er die Hupe des Busfahrers hörte, der, wer hätte es gedacht, auch einer seiner Freunde war, zog er eine leuchtende Warnweste über. Er regelte damit den Verkehr auf dem kleinen Platz vor der Schule, damit es keine Gefahr für seine Kinder gab. Dann ging er ins Schulgebäude und läutete die Glocke. Er setzte sich auf seinen kleinen Hocker und gab allen Schülern beim Eintreten ein High Five. Marta, aus der 4. Klasse, war begeistert von diesem sanftmütigen Riesen und sprach zuhause nur von ihm. Jeden Montag brachte sie ihm eine Zeichnung und manchmal sogar eine Kleinigkeit zu essen. Fabian, Klasse 1A, betrat seine Klasse erst, sobald er mit ihm gesprochen hatte, ansonsten blieb er auf dem Treppenabsatz sitzen und weinte, weil er eigentlich gar keine Lust hatte, zur Schule zu gehen. Wilhelm, Klasse 2C, der frechste, stürmischste Störenfried der Schule, half ihm nach dem Unterricht mit dem Putzen. So wie es kommen musste, trug er, unser Protagonist, wegen seiner Größe den Namen Super G – Super Groß. Zwei Meter und einige Zentimeter an Freundlichkeit und Güte. Sobald alle Schüler in ihren Klassen waren, setzte er sich hin und las seine Romane und Zeitungen, die er in seinem kleinen Schreibtisch aufbewahrte. An jenem Morgen, als er wieder einmal seinen alten Hemmingway las, spürte er plötzlich jemandes Anwesenheit. Es war der Direktor. „Ah, heute Morgen ist auch der Direktor unter uns…“, dachte er, und, nachdem er die Seite seines Buches eingeknickt hatte, drehte er sich zu ihm um, während seine großen Knie unter dem Bürotisch aneinanderstießen.

Der Direktor, die Stirn runzelnd, erhob das Wort:

  • Entschuldigen Sie die Frage, aber nennt man Sie wirklich Super G?
  • Amüsiert. Aber natürlich, haha!
  • Aber dürfte ich auch Ihren richtigen Vornamen erfahren?
  • Mir ist es lieber ihn geheim zu halten. Augenzwinkern.
  • Hören Sie zu, das ist nicht der richtige Moment, um Späße zu machen. Ist es wahr, dass Sie den Kindern das Pausenbrot stehlen?
  • Stehlen? Ich? Aber nicht doch!
  • In der Tat habe ich mehrere Berichte über Ihr Verhalten bekommen, das ich vollkommen inakzeptabel finde. Ist es wahr, dass Sie die Kinder umarmen und ihnen die Hand geben?
  • Ja, wenn sie Angst haben und getröstet werden müssen, aber das kommt nicht oft vor.
  • Außerdem, ist es wahr, dass ein Junge Ihnen nach dem Unterricht beim Putzen hilft? Das heißt, dass er die Arbeit macht, für die Sie bezahlt werden?
  • Natürlich, manchmal unterstützt er mich, aber das ist auch eine Art, dem Jungen zu helfen. Er hat es nötig, sich zu unterhalten und braucht die Meinung eines Erwachsenen. Wenn er nicht arbeiten will, muss er das nicht, er kann sich auch einfach hinsetzen und erzählen.
  • Ah ja, das erscheint mir vollkommen normal. Ich scheue mich davor, Ihnen diese letzte Frage zu stellen. Ist es wahr, dass sie bereits vor Ihrer gesetzlichen Arbeitszeit zur Schule kommen`?
  • Ja, weil ich auf die Tafeln schreiben muss.
  • Entschuldigen Sie mich?
  • Ich habe gesagt, dass ich auf die Tafeln schreiben muss und dass ich die kleinen Papierzettel für das Tischchen am Eingang vorbereiten muss, damit jeder sie lesen kann. Ich schreibe darauf Zitate, die ich in Büchern finde…
  • Sie sind gefeuert.
  • Nein, warten Sie, ich verstehe nicht… ich liebe doch meine Arbeit und…
  • Ihr Verhalten ist gefährlich für unsere Schüler.
  • Gefährlich? Wieso das denn?
  • Und zwar aus dem Grund, weil Sie sich so verhalten, als wären es Ihre Kinder und Sie ihr Vater.
  • Natürlich, ich liebe sie ja!
  • Was wollen Sie damit sagen, Sie „lieben“ sie? Hören Sie sich doch einmal selbst zu! Das ist der Grund, wieso ich Sie feuern muss, weil Sie sie lieben. Ich kann Ihnen nicht vertrauen.
  • Ihr Leben erscheint mir traurig.

In diesem Moment erhob er sich, zwei Meter und ein paar Zentimeter an Freundlichkeit und Güte. Er sah dem Direktor, der von oben ganz klein wirkt, direkt in die Augen und sagte: „Es tut mir wirklich leid für alle, die so sind wie Sie. All jene, die immer noch nicht verstanden haben, dass kein bisschen Liebe je verschwendet ist, niemals. Von oben sehe ich alles anders, und ich spreche nicht von physischer Größe. Aber was weiß ein armer Hausmeister schon, sagen Sie es mir. Ich gehe und nehme all meine unerwünschte Liebe, die ich mit Umarmungen, Pausenbroten, Geschwätz und Worten den Kindern gegeben habe, mit mir mit. Sie können mich feuern, aber morgen Früh werde ich vor der Schule stehen und Übermorgen auch und mit der heißen Thermoskanne die ganze Woche auf die Lehrer warten, ich werde die Zeichnungen von Marta entgegennehmen und mich nach dem Unterricht mit Wilhelm unterhalten. Sie können mich als Hausmeister feuern, aber nicht als Super G, denn das G steht nicht für „Super Groß“, sondern für „Super Großzügig“ und das, mein lieber Herr Direktor, ist ein Vertrag für die Ewigkeit!

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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