Sonntagmorgen

„Hey, alles klar bei dir?“

„Ja ja, alles gut, danke.“

„Man würde eher das Gegenteil behaupten. Schau mal her. Darf ich?“

Er legte sanft seinen rechten Zeigefinger auf die Wange des Jungen und fing eine Träne auf, die entlang dessen rechten Nasenseite die Wange hinunterrollte. Dann betrachtete er stumm seinen Finger und zerrieb den kleinen Tropfen zwischen Daumen und Zeigefinger, wobei er letzteren dem jungen Mann vor die Augen hielt. „Willst du darüber sprechen?“

Luca lachte: „Komm schon, du denkst doch nicht wirklich, dass ich weine? Das ist wohl meine Pollenallergie, was weiß ich schon.“

„Ah ja, die berühmte Pollenallergie, die sich genau im Zentrum von Turin in einem Café in der Verdistraße bemerkbar macht. Das erscheint mir einleuchtend. Also, soll ich dir noch ein Bier holen? Oder irre ich mich da auch?“

„Ich sehe du hast alles verstanden. Bring mir ein großes Bier bitte.“

Wie beschämend, dass es soweit kommen musste. Warum heulte er auch genau hier herum, vor einem fast gleichaltrigen Barkeeper? Absurd.

Und dennoch, er konnte mit diesem Schmerz nicht umgehen. Ja, es war ein schmerzliches Gefühl, das ihm Bauchweh bereitete und von dem ihm übel wurde. Er konnte ein lautes Schluchzen nur mit Mühe unterdrücken. Der Kellner hatte ihm das Bier gebracht. Der Junge konnte ihm nicht in die Augen sehen, er bedankte sich nicht einmal und versuchte zu verstehen, warum er seinen Körper plötzlich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Als er verzweifelt aufseufzte, schwappte ein großer Teil des Schaumes über den Glasrand. Er fühlte sich fast wie nackt, zerbrechlich. Sein Kinn hörte nicht auf zu zittern, er konnte seine Bewegungen kaum mehr kontrollieren; mit leerem Blick sah er durch das Fenster des kleinen Cafés. Ein Gefühl der Einsamkeit überkam ihn. Und dann, aus dem Nichts heraus, musste er auf einmal lächeln. Er konnte sich nicht erklären, warum, doch seine Zähne hatten aufgehört, seine Lippen zusammenzupressen, um damit das Zittern seines Kinns zu unterdrücken. Doch dann schaffte er es nicht weiter, seine Gefühle zu kontrollieren und brach in Tränen aus. Es war ein fast lautloses Weinen, die Tränen liefen stumm über seine Wangen. Seine Schultern hoben und senkten sich, er zuckte fast krampfartig zusammen und musste nach Luft ringen. Als der Barkeeper bemerkte, was vor sich ging, drehte er das Radio lauter. Und erst in diesem Moment verstand Luca, was mit ihm los war. Er erhob seine Augen, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und suchte den Blick des Barmanns. Da konnten sie nicht anders und mussten beide lächeln. Luca machte sich über seine Tränen lustig: „Ach du weißt ja, diese Allergie …“. Und sie begannen, zu lachen. „Wie hast du es verstanden? Wie konntest du wissen, dass Pino Daniele mein Lieblingssänger ist?“

Der andere Junge kehrte zuerst die Terrasse fertig, legte dann seine Schürze auf einem Regal ab und setzte sich neben Luca. „Wie ich verstanden habe, dass du Neapolitaner bist und an Heimweh leidest? Zuallererst, weil du hier am Sonntagmorgen lieber Bier als Kaffee trinkst.“

Sie brachen erneut in Lachen aus. „Und jamm (neapolitanischer Ausdruck), der ist auch ungenießbar bei euch!“

„Ich hab‘s nicht nur an deinem Akzent, sondern auch an deinem leeren Blick erkannt. Ein Blick, der es gewohnt ist, das Meer zu sehen, die warme Sonne zu spüren. Der Blick eines jungen Mannes, der hierhergekommen ist, um zu studieren, sich jetzt aber einsam fühlt, obwohl er viele neue Menschen kennengelernt hat. Und auch weil der Sonntag ein Tag der Nostalgie für uns ist.“

„Du auch? Du kommst auch aus Neapel?“

„Ja, ich bin schon vor Jahren hierher nach Turin gekommen. Mir gefällt’s hier, ich mag diese Stadt und ich habe mich hier verliebt. Aber wie du siehst, ist Sonntagmorgen auch für mich immer ein Moment der Nostalgie, in dem ich meine Heimat vermisse. Es ist kein Zufall, das Nosto Rückkehr bedeutet, genauso wie mit Algos der Schmerz bezeichnet wird. Nostalgie und der Schmerz, nicht Zuhause zu sein – Heimweh.“

Luca war verblüfft, er hätte sich nicht gedacht, dass er seinen Sonntagmorgen mit einem Kellner aus Neapel verbringen würde, der seinen Akzent fast verloren hatte und ihm nun griechische Wörter beibrachte.

„Entschuldige für die Frage, aber warum kehrst du nicht einfach nach Neapel zurück, anstatt hier zu arbeiten? Warum gehst du nicht wieder nach Hause? Der Kellner stand auf, zapfte sich selbst ein Bier und setzte sich erneut neben Luca. Er holte seine Brieftasche aus seiner Hosentasche und zeigte ihm ein Foto von Rebecca, seiner Frau.

„Weil Zuhause kein Ort sein muss. Zuhause kann ein Gefühl sein, eine Art Schutz vor dem alltäglichen Chaos, ein Zufluchtsort. Ich werde nicht nach Neapel zurückkehren, denn wie du siehst, ist mein Zuhause hier, auf diesem kleinen Foto, dass ich immer bei mir trage. Hier ist mein einziger Ratschlag an dich: Finde jemanden, der dir das Gefühl gibt, Zuhause sein, auch an einem Ort, wo sie nicht wissen, wie man guten Kaffee macht.“

„Ist es das wirklich wert?“

„Meiner Meinung nach ist dein Leben es wert.“

Pubblicato da Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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