Die Kreuzung der Gefühle

Stellt euch eine große Kreuzung vor, an der viele Straßen aufeinandertreffen. Einige von ihnen wirkten, als wären sie gewaltige Umfahrungsstraßen aus Beton; andere waren schmale, kurvige Wege mit großen Schlaglöchern; dann gab es welche, die von Grasflächen und bunten Blumen, die sich ihren Weg durch den Asphalt gebahnt hatten, umgeben waren. Diese Beschreibungen treffen aber nur auf ein paar der Straßen zu. Würde ich euch nur die unzähligen Straßen, die aus Richtung Westen kamen, beschreiben, hätte ich keine Zeit, diese Geschichte zu erzählen. Eines hatten diese vielen Wege aber gemeinsam: sie führten alle zu jener riesigen Kreuzung. Es war unmöglich, zu verstehen, wer hier Vorrang hatte, wie man die Kreuzung überqueren sollte, wer stehenzubleiben hatte, wem man die Schuld geben sollte, wenn zu früh losgefahren wurde oder wer eigentlich langsamer fahren hätte sollen. Im Zentrum von dem was ich als Straßenkreuzung bezeichne – oder wie auch immer man sich das Beschriebene vorstellen will – stand ein Verkehrspolizist.

Nachdem wohl noch nie jemand etwas Derartiges gesehen hat, nicht einmal in den größten Städten dieser Welt, musste er der Einzige sein, der mir weiterhelfen konnte. Doch wie konnte ich nur der einzigen Person, die mir diese Situation erklären konnte, näherkommen? Nach ein paar Auf- und Abs, kurz laufen, dann wieder stehenbleiben und dazwischen gehen, erreichte ich endlich den Polizisten.

„Ist dir bewusst, was du angerichtet hast?“, schimpfte er sogleich.

„Es tut mir leid, ich verstehe nicht…“

„Ah, du verstehst also nicht. Schau doch, was du mit Nostalgie gemacht hast. Sie hat ja sowieso schon Probleme, zu beschleunigen, nachdem sie von dem Roller, auf dem Melancholie sitzt, verdrängt worden ist. Wenn du sie auch noch ablenkst, wird sie nie wieder starten können! Und dann… warte kurz. Wut, kannst du nicht sehen, dass die Ampel rot ist? Rot gilt für alle, auch für dich! Sag mir nicht, dass du es nicht gesehen hast, ich glaube dir nicht.“

„Tut mir leid für die Frage, aber alle haben gerade rot, oder?“

„Nein, dreh dich nach Norden. Siehst du, wer von dieser großen Straße kommt? Ihr Name ist Ausdauer. Sie darf weiterfahren, sie hat die Maut gezahlt. Komm schon, beeil dich Schüchternheit! Die Ampel wird gleich orange, fahr weiter, solange noch grün ist! Gib Gas! Da ist noch eine, Ausbildung. Heutzutage zögert sie immer, weiterzufahren: sie zögert und fährt dann in die falsche Richtung. Und da ist es, dieses jämmerliche Etwas. Die Reue schon wieder.“ Auf einmal nahm er eine Trillerpfeife hervor und begann, energisch hineinzupusten. „Dieses Mal bekommst du einen Strafzettel! Du glaubst, du kannst dich davonschleichen, nur weil dein Name Neid ist? Kannst du nicht sehen, dass das eine Einbahn ist? Aber dir sind die Verkehrsregeln ja anscheinend egal – pass auf, sonst hast du wieder einen Unfall mit Ausbildung, wie letztes Mal!“

„Entschuldigen Sie mich für die Frage, Herr Polizist, aber wer ist dieses Auto mit den vier Pfeilen?“

„Das ist die Liebe. Ich habe sie aus dem Verkehr gezogen, weil ich sie nicht mehr ausgehalten habe. Sie war immer mit ihrem Freund, namens Verliebtheit, unterwegs, wobei sie an dieser Kreuzung viel Schaden angerichtet haben. Wenn die Liebe hier war, fingen alle an, sich merkwürdig zu verhalten. Sogar die Wut, die normalerweise immer selbstbewusst ist, war ganz verwirrt. Die Einzige, die die Liebe in den Griff bekommt, ist die Eifersucht. Sie verhält sich meistens unauffällig, aber ist immer dabei, die Liebe zu stören. Kommt schon, fahrt weiter! Jetzt ist der Anstand dran. So bitte, bewegt euch! Spaß, Unterhaltung, legt den Gurt an und glaubt ja nicht, ihr könntet diese Straße nehmen, nur um der Verrücktheit zu folgen! Wagt es ja nicht! Ah, da kommt mein Kollege, um mich abzulösen. Sie werden sehen, was das für ein Chaos wird. Auf Wiedersehen, Miss.”

Dann, nachdem er mir auf überraschende Weise die Hand geküsst hatte, ging er gelassen davon. Und da war schon der neue Polizist, der mich stürmisch umarmte und offensichtlich entzückt darüber war, einen Besucher zu haben.

„Na gut, dann geht’s los. Grünes Licht für alle!”

Auf einen Schlag war ein ohrenbetäubender Lärm zu hören, von all den Gefühlen, die kamen und gingen, eine plötzliche Wende machten und blindlings herumfuhren. Ich wollte natürlich sofort eine Erklärung für diese neue Art der Verkehrsregelung, da bemerkte ich, dass der Polizist nicht mehr neben mir war. Ich drehte mich um und sah ihn neben Freundschaft, Zuneigung, Schmerz, Charisma und Hoffnung stehen, die alle versuchten, die Liebe und die Eifersucht auseinanderzubringen, die sich aber nicht vom Fleck bewegen wollten. Als er zurückkam, wirkte er betrübt.

„Keine Chance, sie ist stärker als ich. Wenn ich da bin, hört die Eifersucht auf gar nichts.“

„Warum? Sollten sie eigentlich nicht alle auf dich hören?“

„Nein mein Liebes. Alle hören nur auf den Verstand.“

„Der Verstand?“

„Ja, der Polizist von vorhin. Jeder hört nur auf die Befehle von Verstand. Weißt du mein Liebes, mein Name ist Herz und in Zeiten wie diesen ist es schwierig für jene, die sich nur von mir leiten lassen.“

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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