Alles nur wegen der Schwerkraft

Welch ein ungeschickter Zufall! Er war an einem falschen Ort gelandet, wahrscheinlich wegen eines technischen Problems während der Reise. Und stellt euch vor, was man ihm davor eindringlich gesagt hatte: „Pass auf, wenn du nah an der Erde vorbeifliegst, werde ja nicht langsamer, halte dich nicht auf, sondern flieg schneller.“ Man hatte ihm schier endlos lange etwas über eine seltsame Kraft erklärt. Wie war das nochmal? Die Schwerkraft? Erdbeschleunigung? Ach, er konnte sich nicht mehr genau erinnern. Aber die Erde hatte aus der Ferne doch so schön ausgesehen! Er hatte nicht anders gekonnt, er hatte einfach kurz anhalten müssen. Seine Augen waren weit aufgerissen gewesen, sein Herz hatte begonnen, wie verrückt zu schlagen und, er hatte zugeben müssen: nicht nur war er langsamer geworden und war schließlich stehen geblieben, sondern hatte er sie auch für eine ganze Weile angestarrt.

Er hatte diese riesige Kugel, die von kräftigen Farben, die er noch nie zuvor gesehen hatte, bedeckt war, lange bewundert: ein lebendiges Blau und ein sattes Grün, das an manchen Stellen ins Braune oder Gelbe überging. All dies war an der Oberfläche bedeckt von weißer Zuckerwatte, aus der an manchen Stellen einige Wassertropfen fielen. Manchmal war die Watte von einem dunklen Grau: an diesen Stellen ähnelten die Tropfen eher einem Wasserfall, der von grellen Lichtblitzen durchbrochen wurde. Kurz darauf war ein ohrenbetäubender Lärm zu hören gewesen, der ihn zugleich einschüchtert und beeindruckt hatte. Er hatte wirklich versucht, nicht die Seite der Erde anzustarren, die unter dem Licht des Königs des Sonnensystems, der Sonne selbst, erstrahlte. Und trotzdem hatte er sich genau von dort angezogen gefühlt, durch eine unsichtbare Kraft, die er sich nicht erklären konnte und plötzlich – Puff – war er buchstäblich aus allen Wolken gefallen, mitten auf diese Halbinsel, die von oben wie ein Stiefel ausgesehen hatte. Was für ein merkwürdiger Ort! Noch nie zuvor hatte er etwas Derartiges gesehen.

Er wusste sofort, dass er in Italien gelandet sein musste. Man hatte ihm viel davon erzählt: das Essen, die Feste, das Meer, die Berge, die Farben, die verschiedenen Gerüche, die Gastfreundlichkeit und vor allem die sympathischen Einwohner. Aber das war nicht alles, in Italien gab es auch gute Schokolade, exquisite Liköre, Luxusmode, Pizza und guten Wein. Glücklich und überwältigt zugleich, in dieses wunderbare Paradies auf Erden, voll mit Kirchen und Kunst, Film und Literatur, gefallen zu sein, stand er auf und sah … nichts. Nichts, von alldem, was er von diesem Ort gehört hatte. Naja, es gab schöne bunte Straßen. Aus einem Fenster roch es auch nach Tomatensauce. Die Glocken erklangen, die Messe würde bald anfangen. Aber sonst? Alles war geschlossen, die Straßen waren menschenleer. Es musste etwas passiert sein. Er wollte herausfinden, was vor sich ging. Man hatte ihm gesagt, dass die Italiener besonders einladend waren, also versuchte er, jemandem eine Frage zu stellen. Er näherte sich einem Haus und klopfte an die Tür. „Wer ist da?“ „Guten Tag, ich komme von weit her und wollte fragen, ob…“ „Tragen Sie Ihre Maske?“ „Entschuldigen Sie?“ „Ich habe gefragt, ob Sie Ihre Maske tragen!“ „Ich verstehe nicht…“, antwortete er verwirrt. „Also gut, wenn Sie nicht verstehen, dann Auf Wiedersehen!“

Als er versuchte, zu verstehen, was die Frau ihm sagen wollte, ging ein Mann an ihm vorbei: groß, elegant, gepflegte Haare und blaue Augen, die ihm misstrauisch entgegenblickten. Im gleichen Moment wurde ihm klar, was die Frau gemeint hatte: der Mann trug mitten im Gesicht eine blaue Maske, die die Hälfte seines Gesichts bedeckte, von der Nase bis zum Kinn. „Geh mir aus dem Weg und kauf dir eine Maske!“ „Wie bitte? Wo soll ich die kaufen?“ „Wo du sie kaufen sollst? In der Apotheke natürlich. Hast du kein Geld?“ Er wollte ihn fragen, wovon er sprach, doch der Mann ging einfach weiter. Was für eine Katastrophe. Waren die Menschen tatsächlich so unfreundlich? Ratlos und traurig setzte er sich zu Boden. Er fing langsam an, zu verzweifeln. Was sollte er jetzt nur machen? Gerade in dem Moment, als er fast zu weinen angefangen hätte, hörte er jemanden singen. Noch nie zuvor hatte er eine so bezaubernde Stimme gehört! Es war fast nur ein leises Murmeln, war aber so klangvoll, so zart, so berührend, dass es nicht echt zu sein schien, an einem Ort wo Menschen ihr Gesicht mit Masken bedeckten.

„Hallo mein Freund.“, sagte der Mann, dessen Stimme er gehört hatte. Er sah gut aus, ein bisschen lumpig, aber so fröhlich, dass er den anderen mit seinem Lächeln ansteckte. Warte, man sah sein Lächeln, also trug er keine Maske? Warum? Unser außerirdischer Freund war verwirrt. „Du trägst keine Maske!“, warf er ihm vor. Sogleich biss er sich auf die Zunge. Wie konnte er den Mann nur so behandeln, wie er zuvor von den anderen behandelt wurde? Dieser gab sofort zurück: „Als ob du eine hättest, mein Freund…“ Der Mann hatte Recht. Er setzte sich an seine Seite. „Ich habe keine, weil ich nicht weiß, was Geld ist.“ Der Mann war überrascht und antwortete sofort: „Ich auch nicht!“ Sie mussten lachen. Er war lustig, dieser Mann, er war nicht elegant gekleidet, er behandelte ihn gut, trug keine Maske und wusste auch nicht, was Geld war. „Ich trage keine Maske, weil mir sowieso keiner näherkommt. Das wäre also sinnlos. Ich besitze kein Haus. Ich habe aber viele Freunde, die mir ab und zu ein paar Münzen zukommen lassen, siehst du, das ist Geld. Ich habe eine Reserve-Maske eingesteckt, aus Respekt vor den anderen. Ansonsten lebe ich so, wie ich bin.“

„Was meinst du damit?“

„Siehst du es nicht? Ich suche mir Tag für Tag einen Ort, der mir gefällt. Eine Brücke normalerweise. Ich setze mich hin und beginne zu singen, spielen und lachen. Manche Freunde bringen mir etwas zu essen, andere bieten mir eine Zigarette an. Ah, du weißt wahrscheinlich nicht, was das ist. Glaub mir, das ist auch besser so. Und dann genieße ich es.“

„Was genießt du?“

„Das Leben! Das Glück, auf die Welt gekommen zu sein. Das Leben ist ein Geschenk, voll mit Überraschungen. Ohne danach gefragt zu haben, befindest du dich in dieser wunderbaren Welt und musst lernen, darin zu leben. Aber du müsstest sehen, wie sich manche Menschen dieses Leben schwer machen. Sie verstehen nicht, dass das Leben ein Geschenk ist und fangen an, Probleme zu kreieren, Ideen zu verfolgen, die nicht unbedingt die besten sind und Beziehungen aufzubauen, die ihnen nicht guttun. Ich verstehe sie nicht, diese Menschen. Aber warte, es gibt noch mehr, sie studieren nur, um einen Abschluss zu haben. Wenn du sie fragst, ob sie das Leben verstanden haben und was sie von dem, was sie studiert oder gelesen haben, gelernt haben, halten sie dich für verrückt. Gesegnet sei die Verrücktheit, in all ihren Formen! Außerdem nehmen sie das Auto, um Brot zu kaufen, oder zum Supermarkt zu fahren, um sich das zu leisten, das ihnen am besten gefällt, meistens voll mit Konservierungsstoffen. Ah, du kennst wahrscheinlich keine Konservierungsstoffe, aber das macht auch nichts. Wenn du jemanden fragst, ob er glücklich ist, lacht er dir ins Gesicht. Als ob sie alle permanent unlösbare Probleme hätten. Und jetzt, wo sie eigentlich draußen sein sollten, um Dinge zu erledigen, die sie eigentlich gar nicht machen wollen, sind sie zuhause eingesperrt. Die Armen.“

„Und du?“

„Ach, ich habe kein Haus. Bei mir zuhause ist im Moment neben dir, zum Beispiel. Wenn die Polizei die anderen Menschen aufhält, da sie die Ausgangsperre nicht eingehalten haben, bekommen diese eine Strafe. Ah, du weißt wahrscheinlich nicht, was eine Strafe ist. Glaub mir, das ist auch besser so. Wenn die Polizei mich sieht, beachten sie mich nicht und lassen mich in Ruhe.“

„Also halten die anderen dich für merkwürdig?“

„Manchmal. Ich bin ein Obdachloser.“

„Was ist das, ein Obdachloser?“

„Ein Obdachloser ist jemand, der niemandem etwas schuldet. Ich verändere mein Leben jeden Tag, immer auf der Suche nach neuem Glück. Das ist mein Reichtum. Ich lebe, dank des Glückseins. Und wenn ich unglücklich bin, verhilft mir die Traurigkeit zu meinem Geld. Ich bleibe im Regen stehen und singe all meinen Schmerz heraus. Und die Menschen geben mir Münzen, weil sie etwas Echtes sehen. Sie sehen es, ich sehe sie.“

„Kann ich auch ein Obdachloser sein?“

„Unter einer Bedingung: du musst glücklich und gleichzeitig traurig sein, denn das tut einem gut; du musst lieben, bevor du geliebt wirst und vor allem, setz deine Maske auf, ansonsten lernst du, was es bedeutet, eine Strafe zu bekommen und glaub mir: das würde dir nicht gefallen! Hahaha.“

Published by Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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