Ein ungewöhnlicher Fisch

Und hier waren sie schon, in seinem Königreich: die Brücke. Der Obdachlose wiederholte unaufhörlich, ihm zu sagen, wie sehr er es liebte, in dieser Umgebung zu sein, noch näher am Himmel und höher als die umliegenden Straßen – und vor allem, genau über dem Wasser. Dann sagte er ihm auch, dass Wasser das Wertvollste für ihn war. Also blickte der Junge über das Geländer, um das Wasser zu sehen und zu verstehen, was nun so besonders daran war. Auch wenn er sich beim Anblick des fließenden Wassers im ersten Moment freute, war der Junge trotzdem etwas enttäuscht.

„Ah, also das ist das Wasser, von dem du gesprochen hast…“

„Was ist los? Du bist nicht glücklich? Aber schau doch!“

„Da gibt’s nicht viel zu sehen, das Wasser ist schmutzig, es sieht aus wie Schlamm!“

Der Obdachlose dachte stumm einen Moment nach. Er überlegte sich: „Er sieht das Wasser des Flusses zum ersten Mal und denkt, es wäre schmutzig. Wenn er nur wüsste, wie es ohne Verschmutzung ausgesehen hat!“

Der Junge bestand darauf: „Du hast mir doch so viel von dieser Brücke erzählt! Ich bin auch froh darüber, hier zu sein, aber ich habe nicht erwartet, dass das Wasser so aussehen würde.“ Plötzlich sprang er auf: „Aber warte, ich sehe einen Fisch!“

Der Obdachlose war begeistert. Schon lange hatte er keine Fische mehr im Fluss gesehen! Schnell näherte er sich, um zu sehen, worauf sein neuer Freund aufgeregt zeigte. Anders als erwartet, sah er aber keinen Fisch. „Tut mir leid, aber wo ist der Fisch, von dem du sprichst?“

Der andere erwiderte verwundert: „Ich habe doch alles beachtet, was du mir gelernt hast. Warum siehst du ihn nicht? Du hast mir doch gesagt, dass im Fluss Fische wären: kleine Kreaturen im Wasser, die man von der Oberfläche aus sieht. Das muss also ein Fisch sein!“

Der Bettler warf einen enttäuschten Blick auf den Fluss, als er verstand, was dort im Wasser dahintrieb – auch wenn es durch die Strömungen wie ein Fisch auszusehen schien, war es leider nichts dergleichen, kein anderes Lebewesen und schon gar kein Fisch.

„Hm, ja das ist eine Plastikflasche…“

„Ist das eine bestimmte Fischart?“

„Aber nein, was für eine Frage!“

„Warum bewegt sich das Ding dann im Fluss, als wäre es ein Fisch?“

„Gute Frage… dort sollte es eigentlich nicht sein“, antwortete der Obdachlose mit betrübter Miene. Der Junge fragte sich bereits nach wenigen Stunden auf der Erde, warum da eine Plastikflasche im Fluss schwamm. „Die meisten von uns Menschen lässt das wohl eher gleichgültig, obwohl wir schon lange hier leben.“

„Hm das verstehe ich nicht. Oh, aber dort sehe ich einen Fisch! Ich hätte mir gleich denken können, dass Fische viel kleiner sind. Sieh doch, wie klein der ist, so süß! Komm, komm doch!

„Aber das ist auch kein Fisch…“, seufzte der Mann. Er dachte sich: „Dieses Mal werde ich ihm nicht die Wahrheit sagen. Wie soll ich ihm nur beibringen, dass das nichts als ein achtlos weggeworfenes Wattestäbchen ist? Vielleicht ist es besser, einfach nichts zu sagen.“

Der Junge hatte ihn sowieso nicht gehört und fuhr fort: „Schau doch, da ist ein zweiter! Und dort ist noch einer. Ach, wie niedlich sie aussehen. Ohje, jetzt sind sie alle auf Grund gelaufen! Wir müssen ihnen helfen!“

„Aber mein Junge, sieh doch…“

„Ja ja, ich weiß, es sind keine normalen Fische.“ Er verzog traurig das Gesicht.

„Ganz richtig, ich weiß nur nicht, wie ich es dir am besten sage. Ich habe versucht, es dir zu erklären, aber du weißt ja nicht, wie schwierig das ist und wie sehr ich mich dafür schäme. Ja, ich schäme mich und…“

„Nein, du musst dich nicht schämen, ich habe verstanden. Der Fisch ist aus Plastik! Er schwimmt nicht unter Wasser, sondern treibt auf der Oberfläche.“

„Hm, ja natürlich. Du hast Recht, du hast Recht. Aber weißt du, warum er nicht schwimmt? Weil das nicht sein Zuhause ist. Komm, retten wir sie!“

So kam es dazu, dass ein vorbeigehender Spaziergänger beobachtete, wie ein Obdachloser, begleitet von einem ungewöhnlich aussehenden Kind, den Fluss entlanglief, im Wasser herumhüpfte und Plastik aufsammelte – und, wie ihr euch vorstellen könnt, gab es eine ganze Menge davon.

„Komm, retten wir sie alle!“ Der Obdachlose wollte sich nicht länger sagen, dass es seine Schuld sei, oder die Schuld der Mitbürger, die ihm Essen und Zigaretten schenkten, die Schuld des Bürgermeisters, die Schuld dieses Spaziergängers, der sie so schief ansah, oder die Schuld von allen anderen Menschen um sie herum. Und die Rufe gingen weiter: „Großartig, du bist dabei, sie zu retten, gib sie schnell in diesen Sack, damit sie in Sicherheit sind.“ Der Außerirdische wusste natürlich nicht, dass der Sack nichts weiter als eine gewöhnliche Mülltonne war, aber das war auch egal. Mit großer Freude sprangen sie herum und sammelten den ganzen Müll, den sie im Fluss und daneben fanden, auf.

Der Spaziergänger entfernte sich kopfschüttelnd und murmelte: „Sie retten Plastik… wie merkwürdig!“. Der Obdachlose rief zurück: Für Sie retten wir vielleicht nur Plastik, aber damit retten wir auch eure Nachkommen und die ganze Erde!“

Der Mann drehte sich nicht mehr um, die beiden neuen Freunde aber fuhren ungehemmt fort, die Fische aus Plastik einzusammeln.

Also, liebe Leser und Leserinnen, wenn ihr eines Tages Fische aus Plastik in Not seht, zögert nicht und handelt wie diese zwei sympathischen Freunde: hört nicht auf die Worte gleichgültiger Passanten und helft den Dingen, die im Wasser nichts verloren haben! Unsere Welt braucht Personen wie diese!

Pubblicato da Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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