Das Lieblingsfach

– Guten Tag, Ihr Name bitte?

– Guten Tag! Mein Name ist Marco Vivaldi.

– Alter?

– Achtzehn.

– Wo liegen Ihre Stärken?

– Mathematik.

– Note?

– 1.

– Ausgezeichnet, sie finden hier eine Zeitschrift, Flyer und noch ein paar Broschüren – alles was sie benötigen, um eine Entscheidung zu treffen.

Marco entfernt sich vom Schalter. Hinter ihm stehen noch zehn weitere Personen in der Schlange. Manche schauten auf ihr Handy, andere sehen sich um, und Luca… – Mein Gott, Luca, was machst du denn bitte? – Marco nähert sich ihm mit einem unglaubwürdigen Blick. – Bist du verrückt? Was machst du?

Luca antwortet ihm ruhig: – Warum fragst du? Siehst du nicht, dass ich rauche? Du gehst zum Orientierungstag, um dich für die passende Universität zu entscheiden und führst dich auf wie ein Besserwisser? Und dann checkst du nicht einmal, dass ich doch nur rauche… – Marco beginnt, vor sich hinzustammeln, er fühlt sich plötzlich schuldig, als wär er es, der eine Zigarette im Mund hat. – Aber… wir sind an einem geschlossenen Ort, hör mit diesem Ding auf. Sie werden dich noch rauswerfen! – Ach, sollen sie doch nur.

– Was ist nur los mit dir? Warum verhältst du dich so? Her damit! – Marco nimmt die Zigarette, wirft sie auf den Boden und tritt sie aus, während er auf Lucas Reaktion wartet. Er versteht diesen Jungen einfach nicht, obwohl er ihn eigentlich gerne mag.

– Ich denke, wir sollten abhauen, solange wir noch können – meint Luca mit provozierender Stimme. Marco dreht sich ihm unglaubwürdig zu, fährt sich zuerst hektisch mit den Händen durch die Haare, stützt sie an den Hüften ab und fährt Luca nun aufgebracht an: – Für wen hältst du mich eigentlich? Seit Monaten schwärmst du mir vor, wie großartig das Leben an der Uni nicht sein wird: du wirst deine eigenen Kurse aussuchen können, nur das Fach studieren, das dich wirklich interessiert und endlich weg von der Schule sein, die du doch so sehr verabscheust. Dann kommen wir heute hierher, um endlich herauszufinden, wie unsere Zukunft aussehen wird und alles, was du willst, ist vor die Tür gesetzt zu werden, halb gelangweilt, halb gereizt und mit einer Zigarette in der Hand? Warum machst du das?

Luca ignoriert seine Worte. – Wie war dein Treffen?

– Wovon redest du? Welches Treffen?

– Aber du willst zur Uni gehen und verstehst nicht, wovon ich spreche! Dein Treffen mit dem Typen dort, der dazu da ist, um dir zu helfen, dich für einen Weg und deine Zukunft zu entscheiden!

– Er hat mich gefragt, was mein Lieblingsfach wäre und…

– Stimmt nicht!

– Wie bitte?

– Er hat dich nicht nach deinem Lieblingsfach gefragt, sondern nach deinen Stärken. Das habe ich mitbekommen.

– Aber wenn du es sowieso so genau weißt, wieso fragst du dann?

– Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, worin du gut bist und dem, worin du gut sein möchtest. Siehst du das nicht? Verstehst du nicht, worum es geht? Sieh dich doch um, wir sind alle in einen stinkenden Turnsaal zusammengepfercht. Wir stehen mitten auf dem Sportfeld, wo normalerweise Spiele oder Wettkämpfe stattfinden. Wen siehst du? Ach, die Lehrer, die uns überwachen, beobachten und aufpassen müssen, damit alles nach Plan verläuft und alle die Regeln befolgen: sich hinten anstellen, warten, bis man an die Reihe kommt, sagen, in welchem Fach man am besten ist und nicht das, das man am Liebsten hat. Sie sind die Beurteiler des Wettkampfes und sie beobachten uns dabei. Sie haben uns Flyer und Broschüren gegeben: jetzt musst du zum Stand der Uni gehen, den sie dir angezeigt haben. Also gehst du dorthin, mitten unter hundert anderen Schülern, die alle die gleichen Broschüren in der Hand haben, die dir sagen sollen, in welche Universität du gehörst und dass du die Zukunft dieses wunderbaren Landes bist, oder sowas in der Art. In diesem Moment nähert sich dir einer und fragt nach deinem Namen, um dich schließlich mit Dingen vollzuquatschen, die du nicht wirklich verstehst, die aber so wirken, als wären sie wichtig. Irgendwann schwirrt dir der Kopf und du gehst nach Hause. Sobald du den Namen einer angesehenen Medizin- oder Ingenieurs-Universität ausgesprochen hast, werden dich deine Eltern bestätigen, dass das die beste Wahl für dich sei, da du ja gut in Mathe wärst. Sie werden dir Dinge sagen, wie: – Verstehst du, welche Ehre es ist, sein Studium an dieser Universität zu absolvieren? – In diesem Moment wirst du überzeugt sein, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Obwohl die einzige Sache, die hier freiwillig beschlossen wurde, meinerseits das Anzünden einer Zigarette war, und deinerseits, sie wieder auszulöschen.

– Aber wenn ich gut in Mathe bin, sollte ich doch Ingenieur werden, denkst du nicht?

– Nein, denke ich nicht. Um ehrlich zu sein, betrachte ich das Ganze mit einer logischen Sichtweise, nicht mit einer menschlichen. In unseren Köpfen muss jede Bedingung auch immer mit einer schlüssigen Konsequenz einhergehen: das heißt, wenn du gut in Mathe bist, musst du automatisch Medizin, Maschinenbau oder Physik studieren. Wenn du ein verliebtes Pärchen siehst, muss ihre Liebe wohl für die Ewigkeit bestimmt sein. Wenn du die Tochter eines Arztes bist, kannst du nicht Kabarettistin werden. Vielleicht sollten die Menschen jedoch einfach anfangen, zu machen, was sie wirklich mögen und nicht das, in dem sie vielleicht gut sind. Wenn man nur die Dinge macht, die man sowieso schon kann, wird das doch irgendwann langweilig! Man fühlt sich zwar vielleicht stolz und vollkommen, aber was bringt das schon? Darf ich dir ein Geheimnis verraten? Das Leben ist niemals vollkommen, die einzige Sache, die sicher ist, ist sein Ende. Und was mich betrifft, ich will lieber auf eine unvollkommene Weise leben, immer auf der Suche nach mehr, ich will für mich selbst denken, Neues ausprobieren, herumexperimentieren, ich will auf keinen Fall nach meinem Alter eingeordnet werden. Wenn du 25 bist, solltest du bereits einen Master- oder sogar Doktortitel besitzen; wenn du 30 bist, solltest du in einer Beziehung sein und einen sicheren Job haben, um eine Familie gründen zu können. Das Leben ist aber viel komplizierter, sie schreiben uns unaufhörlich Regeln vor, während wir uns nichtsahnend einreden, alles im Griff zu haben. Seit vielen Jahren suchen Philosophen nach der Formel des Seins, der Existenz, dem Sinn des Lebens: die Wahrheit ist, dass aber keiner jemals irgendetwas verstanden hat und mir ist es deswegen lieber, verbesserungsfähig, veränderbar, flexibel zu sein, in etwas, das mich glücklich macht, anstatt gut zu sein, in etwas, das mich zwar scheinbar erfüllt, aber auf Dauer traurig macht. Was denkst du darüber?

– Ich denke, wir sollten uns eine neue Zigarette anzünden.

Pubblicato da Grandi Storielle

Siamo sei ragazze, Carola, Celia, Hannah, Livia, Morena e Sara che si sono conosciute in Erasmus a Chambéry e hanno ora deciso di mettere a disposizione la loro piccola ma grande arte per tutti.

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